Discussion:
Nichtteilnahme Demo 1. Mai - Konsequenzen
(zu alt für eine Antwort)
Matthias Opatz
2011-05-02 13:18:17 UTC
Permalink
Hatten neulich in kleiner Runde das Thema 1. Mai inne DDR. Es bestand
Einigkeit, dass die Teilnahme an der Maikundgebung bzw. -demo erwartet
wurde und auch sanfter (verbaler) Druck dahingehend ausgeübt wurde.
Gelegentlich unterstützt durch eine kleine materielle Motivation, zB
ein Freibier- oder Imbiss-Bon (oder 5 Mark Bargeld dafür), der erst
nach der Demo ausgegeben wurde. Eine rechtliche Handhabe, jemanden
zur Teilnahme zu bewegen, gab es aber nach unserer drei Leute Meinung
nicht. War ein gesetzlicher Feiertag, und gut.

Es gab auch tatsächlich immer wieder Leute, die sich einen Teufel um
irgendwelche politischen Bekundungen scherten und mit oder ohne Alibi
(Fuß verstaucht?) es vorzogen, auszuschlafen oder zB auf dem Balkon,
im Garten oder im Wald unpolitischen Interessen nachzugehen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass dies bei Otto-Normalverbraucher
(also nicht in der Partei und ohne Karriereambitionen) irgendwelche
Konsequenzen hatte. Und bei Genossen ohne hinreichende Entschuldigung
waren die Konsequenzen des Fernbleibens eher verbal, sodass man das
nächste Mal einfach hingegangen ist, um vor endlosen Debatten seine
Ruhe zu haben.

Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?

Matthias
--
Die Tage machen uns so müd, wie wird so herrlich schwer das Lid. Macht
nun mit uns die Augen zu, dann spürt ihr da drinnen unendliche Ruh. Der
Lärm der Welt fällt von euch ab. Ihr kommt euch nah bis an das Grab ...

== Bitte bei Mailantwort Großbuchstaben aus Reply-Adresse löschen. ==
Torsten Mueller
2011-05-02 13:49:22 UTC
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Post by Matthias Opatz
Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?
Für mich war seit Erreichen des Lehrlingsalters die Teilnahme schlicht
befohlen. Gefragt wurde nicht, es gab überhaupt keine Diskussion.

An zwei Jahre erinnere ich mich genau:

1987, Annstadt: Torsti früh morgens als fast fertiger Lehrling in der
Uniform der GST, Vorbeimarsch an der Tribüne, hinter der nächsten
Straßenecke Aufsitzen auf einen W50, ab nach Erfurt, dort ein zweites
Mal Vorbeimarsch an einer Tribüne, Rückkehr nach Arnstadt erst nach
15:00. Das alles ohne Ankündigung, d.h. auch ohne daß irgendwer
vielleicht was zu Essen dabeigehabt hätte o.ä.

1988, Postdam: alle, auch Offiziere, in braunen Trainingsanzügen,
allgemeines Gruß- und Meldeverbot, Anreden mit "Genosse <Name>" [1],
strikte Anweisungen bzgl. Sprachregelungen im Umgang mit Zivilisten,
Fahnen von der FDJ entgegengenommen, nachdem diese bereits mindestens
einmal an der Tribüne vorbeigetragen wurden, anschließend an
Kampfgruppen übergeben, die diese mindestens ein drittes Mal an
derselben Tribüne vorbeitrugen (was für ein albernes Schmierentheater!).
Damit die 10x10 Formation (an den Außenseiten Berufssoldaten) anständig
klappte, war diese zwei Tage vorher in den Abendstunden extra trainiert
worden, und zwar am Originalschauplatz.

Ich lernte viel an diesen beiden 1.Mai-Tagen. Richtig begriffen hab
ich's erst Jahre später.

T.M.

[1] es sollte ganz offensichtlich nicht zu sehen sein, daß es sich um
Soldaten handelte, wir waren einfach "Sportler"
René
2011-05-02 14:05:55 UTC
Permalink
Post by Torsten Mueller
Fahnen von der FDJ entgegengenommen, nachdem diese bereits mindestens
einmal an der Tribüne vorbeigetragen wurden, anschließend an
Kampfgruppen übergeben, die diese mindestens ein drittes Mal an
derselben Tribüne vorbeitrugen (was für ein albernes Schmierentheater!).
Genau. Einmal um den Block gelatscht in FDJ-Hemd, dann schnell das Hemd
ausgezogen, und noch mal ne Runde als "Angehöriger der Arbeiterklasse."
Und die Feuerwehrautos vom Typ
Loading Image...
unauffällig in den Seitenstraßen geparkt, just in case.
Hinterher gabs Bratwurst und Bier in der Firma.
Gernot Zander
2011-05-02 15:51:29 UTC
Permalink
Hi,
Post by René
Genau. Einmal um den Block gelatscht in FDJ-Hemd, dann schnell das Hemd
ausgezogen, und noch mal ne Runde als "Angehöriger der Arbeiterklasse."
Berlin, die Parade ging die Frankfurter Allee entlang (sowohl am 1.5.
als auch am 3.1., nur da in der anderen Richtung). Die zeichnet sich
durch die U-Bahn-Eingänge alle Kilometer aus, in der Straßenmitte.
Beim Treffpunkt hat man sich von den Lehrern sehen lassen und dann
gab es großes Gewühle. Auf der Strecke teilte sich der Demonstranten-
strom immer an den U-Bahn-Eingängen und die sich überzählig fühlenden
verschwanden in denselben. Ich bin nur 1x bis zum Grab von Rosa und
Karl gekommen, und AFAIR auch nur 1x zur ZK-Tribüne... (ich glaube,
um Gorbatschow zu sehen).

mfg.
Gernot
--
<***@gmx.de> (Gernot Zander) *Keine Mailkopien bitte!*
Einer hat keinen Appetit zum Essen, der andere kein Essen zum Appetit.
André Grafe
2011-05-02 14:45:07 UTC
Permalink
Post by Matthias Opatz
Hatten neulich in kleiner Runde das Thema 1. Mai inne DDR. Es bestand
Einigkeit, dass die Teilnahme an der Maikundgebung bzw. -demo erwartet
wurde und auch sanfter (verbaler) Druck dahingehend ausgeübt wurde.
Gelegentlich unterstützt durch eine kleine materielle Motivation, zB
ein Freibier- oder Imbiss-Bon (oder 5 Mark Bargeld dafür), der erst
nach der Demo ausgegeben wurde. Eine rechtliche Handhabe, jemanden
zur Teilnahme zu bewegen, gab es aber nach unserer drei Leute Meinung
nicht. War ein gesetzlicher Feiertag, und gut.
Es gab auch tatsächlich immer wieder Leute, die sich einen Teufel um
irgendwelche politischen Bekundungen scherten und mit oder ohne Alibi
(Fuß verstaucht?) es vorzogen, auszuschlafen oder zB auf dem Balkon,
im Garten oder im Wald unpolitischen Interessen nachzugehen.
Ich kann mich nicht erinnern, dass dies bei Otto-Normalverbraucher
(also nicht in der Partei und ohne Karriereambitionen) irgendwelche
Konsequenzen hatte. Und bei Genossen ohne hinreichende Entschuldigung
waren die Konsequenzen des Fernbleibens eher verbal, sodass man das
nächste Mal einfach hingegangen ist, um vor endlosen Debatten seine
Ruhe zu haben.
Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?
Matthias
Ich bin schon in den letzten beiden Schuljahren nicht mehr an der
Tribüne vorbeigelatscht, gut da war ich im Fotozirkel der Schule, und
wir mussten schon ein paar Bilder machen, ein paar vom Sammeln vor der
Schule, einige von der Demo, und mindestens eins mit dem "Marschblock"
der Schule direkt vor der Tribüne. Und dann musste am nächsten Schultag
noch vor Unterrichtsbeginn eine Wandzeitung im Foyer der Schule
aufgestellt werden.
Dann als Lehrling war der 1.Mai für mich kein Thema mehr, in meinem
damaligen Betrieb gab es zwar für alle Teilnehmer 5 Mark als
Verpflegungsgeld, aber wer nicht kam brauchte sich nicht zu rechtfertigen.
Bei der NVA war dann der 1.Mai ein freier Tag, wie ein Sonntag, aber ich
war ja Bausoldat, da galten eh spezielle Regelungen. Zum Bleistift
wurden wir am Tag der NVA, am 1.Juni, früh von der Kaserne in eine große
Kegelhalle gefahren und konnten dort den ganzen Tag kegeln. Hauptsache
wir waren nicht in der Kaserne wenn die ganzen Schulklassen "die
Soldaten" besuchten. Da waren ja noch genügend Pioniere, Hauptsache die
Schüler bekaommen keinen Bausoldaten zu Gesicht.

MfG, André
--
André Grafe
01239Dresden 51°00'27.10 N 13°47'43.02 E
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Torsten Mueller
2011-05-03 06:11:15 UTC
Permalink
Zum Bleistift wurden wir am Tag der NVA, am 1.Juni,
Also konkret am 1.März.

T.M.
André Grafe
2011-05-03 15:55:29 UTC
Permalink
Post by Torsten Mueller
Zum Bleistift wurden wir am Tag der NVA, am 1.Juni,
Also konkret am 1.März.
T.M.
Ja hast recht, der 1.Juni war doch der Kindertag, Asche auf mein Haupt.

MfG, André
--
André Grafe
01239Dresden 51°00'27.10 N 13°47'43.02 E
http://www.boincstats.com/signature/user_117365.gif
Dirk Moebius
2011-05-02 15:22:07 UTC
Permalink
Post by Matthias Opatz
Hatten neulich in kleiner Runde das Thema 1. Mai inne DDR. Es bestand
Einigkeit, dass die Teilnahme an der Maikundgebung bzw. -demo erwartet
wurde und auch sanfter (verbaler) Druck dahingehend ausgeübt wurde.
Gelegentlich unterstützt durch eine kleine materielle Motivation, zB
ein Freibier- oder Imbiss-Bon (oder 5 Mark Bargeld dafür), der erst
nach der Demo ausgegeben wurde. Eine rechtliche Handhabe, jemanden
zur Teilnahme zu bewegen, gab es aber nach unserer drei Leute Meinung
nicht. War ein gesetzlicher Feiertag, und gut.
Es gab auch tatsächlich immer wieder Leute, die sich einen Teufel um
irgendwelche politischen Bekundungen scherten und mit oder ohne Alibi
(Fuß verstaucht?) es vorzogen, auszuschlafen oder zB auf dem Balkon,
im Garten oder im Wald unpolitischen Interessen nachzugehen.
Ich kann mich nicht erinnern, dass dies bei Otto-Normalverbraucher
(also nicht in der Partei und ohne Karriereambitionen) irgendwelche
Konsequenzen hatte. Und bei Genossen ohne hinreichende Entschuldigung
waren die Konsequenzen des Fernbleibens eher verbal, sodass man das
nächste Mal einfach hingegangen ist, um vor endlosen Debatten seine
Ruhe zu haben.
Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?
In den Siebzigern war ich Schueler, da gabs noch keine Verweigerung.
Antreten im Klassenverband.

In den 80ern? In der Lehre lax, im Studium (Dresden) wieder streng
kontrolliert, mit schriftlicher Krankschreibung und so, danach, ab
1986, nur noch der Leichte Demoktratische Druck, Dubistdochfuerdenfrieden,
aber keine praktischen Konsequenzen.

Dass Verwaltung, Staatsapparat sich da vor Konsequenzen fuerchteten,
kann ich mir noch vorstellen - aber die herrschende Klasse? Ich vermute,
die hatten den Kampf-und-Feiertag schon ein Jahrzehnt zuvor abgehakt.

Dirk
Post by Matthias Opatz
Matthias
--
Es herrschen zensurähnliche Zustände. Ich kann verstehen, wenn
Menschen das umgangssprachlich Zensur nennen. Ich tue das auch.
Lars Gebauer
2011-05-02 18:05:06 UTC
Permalink
Post by Dirk Moebius
Post by Matthias Opatz
Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?
In den Siebzigern war ich Schueler,
Ich ebenso.
Post by Dirk Moebius
da gabs noch keine Verweigerung.
Antreten im Klassenverband.
Merkwürdig. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. (Vielleicht habe
ich das auch nur erfolgreich verdrängt?)

War vielleicht auch von Klassenleiter zu Klassenleiter - bzw. von Schule
zu Schule - verschieden. Manche wollten halt unbedingt den Plan erfüllen.
Post by Dirk Moebius
In den 80ern? In der Lehre lax, im Studium (Dresden) wieder streng
kontrolliert, mit schriftlicher Krankschreibung und so, danach, ab
1986, nur noch der Leichte Demoktratische Druck, Dubistdochfuerdenfrieden,
Bei mir hat das spätestens ab der Lehre niemanden mehr interessiert.
Zwar wurde duch die üblichen Verdächtigen immer mal agitiert - kann es
sein, daß es dafür irgendwelche Punkte im Kampf um den Titel "Kollektiv
der sozialistischen Arbeit" oder so etwas gab? - aber, wie gesagt.

Allerdings erinnere ich mich daran, daß meine damalige Freundin (und
spätere Geschiedene) auf Anweisung mal unbedingt zur Maidemo mußte.
Genauere Umstände sind mir allerdings entfallen.
Post by Dirk Moebius
aber keine praktischen Konsequenzen.
Bei mir (logischerweise) ebenso nicht.

(Vielleicht hat aber Jemand 'ne Strichliste geführt oder die
(Nicht-)Teilnahme ist sonstwie in die "Beurteilung" eingeflossen. :)
Post by Dirk Moebius
Dass Verwaltung, Staatsapparat sich da vor Konsequenzen fuerchteten,
kann ich mir noch vorstellen - aber die herrschende Klasse? Ich vermute,
die hatten den Kampf-und-Feiertag schon ein Jahrzehnt zuvor abgehakt.
Och na ja, es gab schon ein paar Genossen und etliche Karrieristen, die
da selbstverständlich mitdemonstrierten.

Für den Rest war es allerdings ein willkommenes Volksfest.
Thomas Wedekind
2011-05-02 20:02:13 UTC
Permalink
Am Mon, 02 May 2011 20:05:06 +0200 schrieb Lars Gebauer
Post by Lars Gebauer
War vielleicht auch von Klassenleiter zu Klassenleiter - bzw. von
Schule zu Schule - verschieden. Manche wollten halt unbedingt den
Plan erfüllen.
Es gab da auch reichlich sinnfreie "Pläne" zu erfüllen. Z.B. durften
wir uns als Klasse in mindestens zwei Jahren als Jubelkommando
gegenüber der Tribüne aufstellen (Jena, zwischen 1975 und 1978). Über
uns hing ein Mikrofon; ab und an brüllte der Anheizer da drüben etwas
wie "Der Sozialismus, er lebe .......", von uns kam dann das "HOCH"
so laut wie möglich. Die Truppe musste schalten, wenn der Sprecher
Anlauf nahm; an etwas wie einen Dirigenten kann ich mich nicht
erinnern. (Ob wir dafür genommen wurden, weil wir einen der besten
Jenaer Schulchöre hatten? Die Jungen waren ansonsten durch die
Anwesenheit bei den FCC-Heimspielen stimm-mäßig trainiert.)

Die Spezialaufgabe hatte den Vorteil, dass man sich nicht auf dem
endlosen Weg vom Stellplatz zur Tribüne die Beine in den Bauch stehen
musste (Hatten wir nicht sogar einen Unterstand? Weiß ich nicht
mehr.), aber wir mussten die gesamte Demonstration da stehen. Das
letzte Drittel des Zuges bestand ja aus Kampfgruppen, Kampfgruppen,
Kampfgruppen... soweit das Auge reichte. Ganz Zeiss schien aus
Kampfgruppen zu bestehen. Die im Zug mitgelaufenen Schüler waren da
längst zuhause.
--
Viele Grüße, Thomas
Wolfgang P u f f e
2011-05-02 21:13:57 UTC
Permalink
"Thomas Wedekind" schrieb...
Post by Thomas Wedekind
Es gab da auch reichlich sinnfreie "Pläne" zu erfüllen. Z.B. durften
wir uns als Klasse in mindestens zwei Jahren als Jubelkommando
gegenüber der Tribüne aufstellen (Jena, zwischen 1975 und 1978). Über
uns hing ein Mikrofon; ab und an brüllte der Anheizer da drüben etwas
wie "Der Sozialismus, er lebe .......", von uns kam dann das "HOCH"
so laut wie möglich.
Ich kann mich noch gut an einen äußerst stimmgewaltigen Jubelchor
vorm Zeiss-Werkstor in Jena (heute Goethegalerie) erinnern.
Das war allerdings so ca. Mitte 1986 als Honecker Zeiss besuchte.
Es wurden Freiwillige gesucht, die zum Winken mit ca. 20x20cm großen
blauen Tüchern in die Innenstadt fahren wollten. (Wir arbeiteten
etwas außerhalb)
Da es während der Arbeitszeit war, mangelte es natürlich nicht an
Freiwilligen.
Irgendwie verspätete sich die Kolonne mit den hohen Leuten so
erheblich, so dass quasi die komplette Schicht Abreitszeitausfall
bedeutete und plötzlich die Zeit nacharbeitet werden sollte.
Das wiederum löste hinterher heftige Proteste aus.
Letztendlich gabs für die Winkveranstaltung dann einen Lohnschein
mit dem Posten "gesellschaftliche Tätigkeit".
Also eine bezahlte Freistellung und zusätzlich ein paar Extrapunkte
im "Sozialistischen Wettbewerb von Mann zu Mann".
Kaum vorstellbar was das damals für ein Theater war.

W.
Thomas Wedekind
2011-05-03 22:11:17 UTC
Permalink
Am Mon, 2 May 2011 23:13:57 +0200 schrieb "Wolfgang P u f f e"
Post by Wolfgang P u f f e
Ich kann mich noch gut an einen äußerst stimmgewaltigen Jubelchor
vorm Zeiss-Werkstor in Jena (heute Goethegalerie) erinnern.
Das war allerdings so ca. Mitte 1986 als Honecker Zeiss besuchte.
Ja, sowas gab es. Jetzt mal aus der Erinnerung geplaudert, was nix
mit dem 1. Mai zu tun hat, aber mit dem DDR-Absurdistan:

Mein erstes Erlebnis dieser Art: irgendwann 1967, 68 oder 69 (der Tag
müsste sich feststellen lassen), ich war in der 2. oder 3. Klasse.
Breshnew besuchte Jena, hauptsächlich Zeiss, und sollte über die
damals noch namenlose Schnellstraße von der Autobahn zur Innenstadt
rollen. Die ARO-Schüler (Adolf-Reichwein-Schule) sollten hinterm
Karl-Marx-Platz (heute Petersenplatz, demnächst Jenaplan) an der
Schnellstraße Spalier stehen.

Das Ganze klappte auch zunächst, wir standen ja 5 min von der Schule
weg. Aber: Der Genosse kam nicht, es vergingen Stunden, es wurde
Mittag, der Magen knurrte. (WIMRE war das Flugzeug umgeleitet worden,
und die Straßenfahrt länger als geplant.) Irgendwann musste die
Schule den ganzen Unterrichtstag als Ausfall abschreiben, was so
nicht geplant war. Wir sollten weiter stehen, was zunächst die Nicht-
Schulspeisungsteilnehmer störte (bei denen wurde zuhause das Essen
kalt); außerdem kann man 8-9jährige Knirpse nicht stundenlang ohne
Essen und Trinken in die Botanik stellen. Irgendwann durften wir
abdampfen, und ich war halb zuhause, da kam ein älterer Schulkamerad
mit dem Fahrrad vorbei und sagte: Breshnew ist gerade durch. Nun ja,
mit etwas Nachrichtentechnik wäre der Tag wohl besser planbar
gewesen... jemand in Jena MUSS doch gewusst haben, wo die Kolonne
gerade war.

Mitte der 70er das andere Tollhaus, das etwas besser funktionierte.
Honecker wollte einen Kurzbesuch in Erfurt(?) machen, am selben Tag
über die Autobahn Berlin - Hermsdorfer Kreuz - Erfurt hin und zurück.
In Jena war schulfrei befohlen, alle Schüler sollten an der
Autobahn(!) an den Abfahrten Lobeda bzw. Göschwitz Spalier stehen.
Die nicht ganz einfache Aufgabe, diese Massen an den Stadtrand zu
fahren, war dem VEB Kraftverkehr als Regionalbusbetreiber zugefallen;
nicht etwa dem Städtischen Nahverkehr Jena mit seinen Großraumbussen.

Der Kraftverkehr fuhr seine kompletten Reserven auf (die reichlich da
waren), aber manches davon sah man selten auf der Straße. Unsere
Klasse und ein paar andere Schüler waren mit einem technischen
Leckerbissen versorgt, der in der Nutzfahrzeug- Oldtimerszene heute
viel Geld bringen würde: ein Ikarus 31 (rustikaler Midibus, lange und
in großer Stückzahl gebaut), aber in der unerhört seltenen
Reisebusausführung (Dachrandverglasung, Sitze mit Kopfstützen,
wahrscheinlich auch Tischchen und Leselampen). Das damals sicher ca.
15 Jahre alte Teil wurde im Berufsverkehr abgefahren, für
Sonderfahrten gab es schon Neueres. Nun, wir fuhren zweimal von der
Schule an den Lobedaer Autobahnanschluss, parkten den Bus am Rand der
Schnellstraße und bejubelten Honni auf Hin- und Rückfahrt; der
Busfahrer kam immer mit, da er sonst auch nur hätte warten können.
Heute frage ich mich ernsthaft, wie wir es in der derart Ressourcen
verschleudernden DDR so lange aushalten konnten.
--
Viele Grüße, Thomas
Boris Gerlach
2011-05-04 04:35:33 UTC
Permalink
Post by Thomas Wedekind
Heute frage ich mich ernsthaft, wie wir es in der derart Ressourcen
verschleudernden DDR so lange aushalten konnten.
Mein Reden seit fuemmunfuerzich

Allein die Wartung und Beleuchtung der Mauer und Grenzanlagen
war ein oekonomischer Selbstmord. Dann noch die jungen Leute die da
rumstanden und in der Produktion fehlten. Und dann noch die
die da runstanden um die die da rumstanden zu ueberwachen.
Und die die da rumstanden und die die da rumstanden ueberwachten
wurden ja auch wieder ueberwacht von welchen die da rumstanden.

Die Leute hatten das erkannt.
Ein damaliger Witz ging in die Richtung, der die Grossmannssucht
der Zone aufs Korn nahm.

Was ist ein probates Mittel die Zone schnell in den Ruin zu treiben?
Lass sie Mitglied in allen Gremien der Uno werden.
Die Beitraege werden ihr sofort das Genick brechen.

BGE
Dirk Moebius
2011-05-04 04:50:02 UTC
Permalink
Post by Thomas Wedekind
Heute frage ich mich ernsthaft, wie wir es in der derart Ressourcen
verschleudernden DDR so lange aushalten konnten.
Das frag ich mich auch. Offenbar hatten wir unglaubliche Reserven.
Was man daraus alles Produktives haette machen koennen...

Dirk
--
Es herrschen zensurähnliche Zustände. Ich kann verstehen, wenn
Menschen das umgangssprachlich Zensur nennen. Ich tue das auch.
Martin Ebert
2011-05-04 17:11:34 UTC
Permalink
Post by Dirk Moebius
Post by Thomas Wedekind
Heute frage ich mich ernsthaft, wie wir es in der derart Ressourcen
verschleudernden DDR so lange aushalten konnten.
Das frag ich mich auch. Offenbar hatten wir unglaubliche Reserven.
Als da noch wären: Die MOB-Lager für mehrere auf dem Papier stehende
Divisionen. Die Staatsreservelager.
Aber da ist der BBKF dran schuld, wissen schon.
Post by Dirk Moebius
Was man daraus alles Produktives haette machen koennen...
Ähmmm, wer denn?

Mt
Peter Veith
2011-05-04 17:20:49 UTC
Permalink
Post by Martin Ebert
Post by Dirk Moebius
Post by Thomas Wedekind
Heute frage ich mich ernsthaft, wie wir es in der derart Ressourcen
verschleudernden DDR so lange aushalten konnten.
Das frag ich mich auch. Offenbar hatten wir unglaubliche Reserven.
Wir waren unglaublich _Effizient_, soviel Verschwendung von Ressourcen wie
heute, war in der DDR undenkbar. Das fängt beim Mensch an und geht bis zu
Rohstoffe und Energie.
Post by Martin Ebert
Als da noch wären: Die MOB-Lager für mehrere auf dem Papier stehende
Divisionen. Die Staatsreservelager.
Da las ich aber unlängst, daß wir "schon" nach 30 (?) Tagen Krieg (!) nix
zu beißen gehabt hätten.
Post by Martin Ebert
Aber da ist der BBKF dran schuld, wissen schon.
:-D
Post by Martin Ebert
Post by Dirk Moebius
Was man daraus alles Produktives haette machen koennen...
Ähmmm, wer denn?
Völlig korrekte Frage. Meint sicher Sarrazzin auch, bei dem HARTZIV-Betrag
für seinen Sohn, vgl.:
http://ddr-luftwaffe.blogspot.com/2011/02/familie-sarrazin.html

Veith
--
Strukturen, Bilder & Geschichte(n) der LSK/LV
http://www.DDR-LUFTWAFFE.de
Hans-Jürgen Schneider
2011-05-05 08:06:33 UTC
Permalink
Post by Thomas Wedekind
Am Mon, 2 May 2011 23:13:57 +0200 schrieb "Wolfgang P u f f e"
Ich kann mich noch gut an einen äußerst stimmgewaltigen Jubelchor
vorm Zeiss-Werkstor in Jena (heute Goethegalerie) erinnern.
Das war allerdings so ca. Mitte 1986 als Honecker Zeiss besuchte.
Ja, sowas gab es. Jetzt mal aus der Erinnerung geplaudert, was nix
...
Nun, wir fuhren zweimal von der
Schule an den Lobedaer Autobahnanschluss, parkten den Bus am Rand der
Schnellstraße und bejubelten Honni auf Hin- und Rückfahrt; der
Busfahrer kam immer mit, da er sonst auch nur hätte warten können.
Heute frage ich mich ernsthaft, wie wir es in der derart Ressourcen
verschleudernden DDR so lange aushalten konnten.
Achwo. Bejubeln ist ja sowas von billig! Stell Dir mal vor, Honni & Co.
hätten Angst um ihre Hintern gehabt. Dann hätten Versammlungsverbote
durchgesetzt werden müssen. Mit Gullideckel zuschweißen, Kavala und
wie das alles heißt. DAS wäre teuer gewesen.

MfG
hjs
Martin Ebert
2011-05-05 17:28:29 UTC
Permalink
Post by Hans-Jürgen Schneider
Achwo. Bejubeln ist ja sowas von billig! Stell Dir mal vor, Honni & Co.
hätten Angst um ihre Hintern gehabt.
Sie hatten.
Tagelang Vorsicherung durch Leute des Wachregiments. Reale Sicherung
des Ortes dann durch Leute der Hauptabteilung Personenschutz des MfS.
Sicherung der Fahrstrecke, im Zweifel jede Brücke.
Post by Hans-Jürgen Schneider
Mit Gullideckel zuschweißen, Kavala und
wie das alles heißt.
Auch das.
Post by Hans-Jürgen Schneider
DAS wäre teuer gewesen.
War nur DDR-Geld.

Mt
André Grafe
2011-05-05 17:40:13 UTC
Permalink
Post by Martin Ebert
Achwo. Bejubeln ist ja sowas von billig! Stell Dir mal vor, Honni& Co.
hätten Angst um ihre Hintern gehabt.
Sie hatten.
Tagelang Vorsicherung durch Leute des Wachregiments. Reale Sicherung
des Ortes dann durch Leute der Hauptabteilung Personenschutz des MfS.
Sicherung der Fahrstrecke, im Zweifel jede Brücke.
Mit Gullideckel zuschweißen, Kavala und
wie das alles heißt.
Auch das.
Und die Leute vom Jagdkollektiv mussten ihre Jagdwaffen beim ABV Tage
vorher abliefern. Dabei hatten die die Dinger doch eh nie Zuhause,
sondern im Waffenschrank in der Jagdhütte.
Post by Martin Ebert
DAS wäre teuer gewesen.
War nur DDR-Geld.
;)
Post by Martin Ebert
Mt
MfG, André
--
André Grafe
01239Dresden 51°00'27.10 N 13°47'43.02 E
http://www.boincstats.com/signature/user_117365.gif
Frank Nitzschner
2011-05-05 18:06:24 UTC
Permalink
Dabei hatten die die Dinger doch eh nie Zuhause, sondern im
Waffenschrank in der Jagdhütte.
In meiner Ecke befanden die sich alle bei meinem Onkel, den
damaligen Revierförster, im Bürowaffenschrank.

Grüsse
Frank
Andrej Kluge
2011-05-05 19:54:55 UTC
Permalink
Hi,
Post by Martin Ebert
Sie hatten.
Tagelang Vorsicherung durch Leute des Wachregiments. Reale Sicherung
des Ortes dann durch Leute der Hauptabteilung Personenschutz des
MfS. Sicherung der Fahrstrecke, im Zweifel jede Brücke.
Und, gab's jemals einen Anschlag/Mordversuch?

Ciao
AK
Martin Ebert
2011-05-05 20:20:33 UTC
Permalink
Post by Andrej Kluge
Post by Martin Ebert
Sie hatten.
Tagelang Vorsicherung durch Leute des Wachregiments. Reale Sicherung
des Ortes dann durch Leute der Hauptabteilung Personenschutz des
MfS. Sicherung der Fahrstrecke, im Zweifel jede Brücke.
Und, gab's jemals einen Anschlag/Mordversuch?
Das ist ja wohl nicht die Frage.

Nebst organisierten Attentätern muss man immer auch mit Gestörten
rechnen, das hat nichts mit der Gesellschaftsordnung zu tun. Insoweit
ist Personenschutz für gefährdete Politiker auch völlig ok.

Die Frage ist, ob der konkrete Aufwand gerechtfertigt ist.
Wegen der verschiedenen Zeiten ist das nicht real vergleichbar.

Die Methoden des Personenschutzes sind grundsätzlich auch gleich. So
haben Personenschutzteams nicht so sehr befreundeter Staaten zu der
Zeit auch fallweise zusammengearbeitet; Stichwort Leipziger Messe.

Der Nachteil für die DDR-Personenschützer war, dass das Ganze beim MfS
angesiedelt war. Allerdings haben mehrere Bundesländer für die SEK und
den Personenschutz nebst Herren der DE IX auch Herren von PS und von
der XXII übernommen.

Das ist alles bekannt - und hier auch Zeitschleife.

Mt
Kai Garlipp
2011-05-05 20:29:36 UTC
Permalink
Post by Andrej Kluge
Post by Martin Ebert
Sie hatten.
Tagelang Vorsicherung durch Leute des Wachregiments. Reale Sicherung
des Ortes dann durch Leute der Hauptabteilung Personenschutz des
MfS. Sicherung der Fahrstrecke, im Zweifel jede Brücke.
Und, gab's jemals einen Anschlag/Mordversuch?
Es gab den Zwischenfall am 31.12.1982, wobei das mehr eine Tat im Affekt eines
volltrunkenen Autofahrers war (der auch wenige Tage vorher von seiner Freundin
verlassen wurde). Er versuchte zwar mit seinem Lada die Kolonne von Honecker
abzudrängen, aber ein richtiges Attentat war das nicht. Siehe auch
http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/1061/das_honecker_attentat_das_keins_war.html

Bye Kai
Dirk Moebius
2011-05-05 22:03:07 UTC
Permalink
Post by Andrej Kluge
Hi,
Post by Martin Ebert
Sie hatten.
Tagelang Vorsicherung durch Leute des Wachregiments. Reale Sicherung
des Ortes dann durch Leute der Hauptabteilung Personenschutz des
MfS. Sicherung der Fahrstrecke, im Zweifel jede Brücke.
Und, gab's jemals einen Anschlag/Mordversuch?
Ja. Ich erinnere einen Maurer oder sowas... Moment...

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/1061/das_honecker_attentat_das_keins_war.html
--
Es herrschen zensurähnliche Zustände. Ich kann verstehen, wenn
Menschen das umgangssprachlich Zensur nennen. Ich tue das auch.
André Grafe
2011-05-06 19:41:47 UTC
Permalink
Post by Dirk Moebius
Post by Andrej Kluge
Hi,
Post by Martin Ebert
Sie hatten.
Tagelang Vorsicherung durch Leute des Wachregiments. Reale Sicherung
des Ortes dann durch Leute der Hauptabteilung Personenschutz des
MfS. Sicherung der Fahrstrecke, im Zweifel jede Brücke.
Und, gab's jemals einen Anschlag/Mordversuch?
Ja. Ich erinnere einen Maurer oder sowas... Moment...
http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/1061/das_honecker_attentat_das_keins_war.html
Da gabs nach derf Wende im Magazin einen recht ausführlichen Artikel
dazu, ich glaube ich habe das sogar noch irgendwo rumliegen. War
definitiv kein Attentat.

MfG, André
--
André Grafe
01239Dresden 51°00'27.10 N 13°47'43.02 E
http://www.boincstats.com/signature/user_117365.gif
Martin Ebert
2011-05-06 21:53:43 UTC
Permalink
Post by André Grafe
Post by Dirk Moebius
Post by Andrej Kluge
Post by Martin Ebert
Sie hatten.
Tagelang Vorsicherung durch Leute des Wachregiments. Reale Sicherung
des Ortes dann durch Leute der Hauptabteilung Personenschutz des
MfS. Sicherung der Fahrstrecke, im Zweifel jede Brücke.
Und, gab's jemals einen Anschlag/Mordversuch?
Ja. Ich erinnere einen Maurer oder sowas... Moment...
http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/1061/das_honecker_attentat_das_keins_war.html
Da gabs nach derf Wende im Magazin einen recht ausführlichen Artikel
dazu, ich glaube ich habe das sogar noch irgendwo rumliegen. War
definitiv kein Attentat.
Warum wohl?
Könnte das mit den Personenschützern zu tun haben?

Stellen wir die Situation mal nach.

Nehmen wir beispielhaft den Bundesaußenminister. Der fährt nachts über
die A10. Sonderschutzfahrzeug und drei Begleitfahrzeuge - so als Idee.

Du gurkst mit Deinem A4 da auch rum und hast einen gelötet - aber das
weißt im Moment nur Du. Die stören Dich. Du versuchst, in die eng
fahrende Kolonne zu drängen. Was meinst Du, was dann passiert?

Einzelheiten denkbarer Taktiken gehören hier nicht hin. Aber Du darfst
davon ausgehen, dass ein oder zwei Fahrzeuge ausscheren und Dich
abdrängen. Bei allen Fahrzeugen gehen Blaulichter an; die anderen
werden ... egal.

Du bist zum Stillstand gekommen; Fahrzeug eingekeilt. Die Beamten nähern
sich Deinem Fahrzeug. Du holst die Wumme raus - und schießt auf einen
der Beamten.

Was passiert nun?

BTW: Ich meine, dass die ausführlichste Schilderung in Bergner:
WaldSiEDlung nachzulesen ist.

Mt
Thomas Wedekind
2011-05-05 11:59:07 UTC
Permalink
Am Wed, 4 May 2011 00:11:17 +0200 schrieb Thomas Wedekind
Post by Thomas Wedekind
Mein erstes Erlebnis dieser Art: irgendwann 1967, 68 oder 69 (der
Tag müsste sich feststellen lassen)
mit Unklarheiten: Im Bildband über den Bezirk Gera von 1975 sind
Bilder (Quelle: Zeiss-Archiv): Breshnew auf der Tribüne vor Zeiss mit
den lokalen Größen (ich erkenne mindestens den dicken OB Windrich),
darunter eine FDJ-Demo, daneben ein Bild der Situation vom Uniturm
aus, laut Unterschrift 1967 (deckt sich mit meiner Story). Das
Jahr kann aber für das letzte Bild nicht stimmen; die Keksrolle war
erst viel später gebaut, vor allem die mit sichtbare Alu-Fassade (1972
oder 73). Wahrscheinlich war der Herr Generalsekretär zweimal da.
--
Viele Grüße, Thomas
Wolfgang P u f f e
2011-05-05 14:27:57 UTC
Permalink
"Thomas Wedekind" schrieb...
Post by Thomas Wedekind
Post by Thomas Wedekind
Mein erstes Erlebnis dieser Art: irgendwann 1967, 68 oder 69 (der
Tag müsste sich feststellen lassen)
mit Unklarheiten: Im Bildband über den Bezirk Gera von 1975 sind
Bilder (Quelle: Zeiss-Archiv): Breshnew auf der Tribüne vor Zeiss mit
den lokalen Größen (ich erkenne mindestens den dicken OB Windrich),
darunter eine FDJ-Demo, daneben ein Bild der Situation vom Uniturm
aus, laut Unterschrift 1967 (deckt sich mit meiner Story). Das
Jahr kann aber für das letzte Bild nicht stimmen; die Keksrolle war
erst viel später gebaut, vor allem die mit sichtbare Alu-Fassade (1972
oder 73). Wahrscheinlich war der Herr Generalsekretär zweimal da.
Im Buch "Das war Jena 1945 bis zur Jahrtausendwende, Eine Chonik"
(Just Bergner, Wartenberg Verlag) Seite 29 ein Bild und Unterschrift::
20.April 1967 besucht Leonid Breshnew ...den VEB Carl Zeiss.
In seiner Begleitung u.a. Heinz Tittl, Herbert Ziegenhahn, Ernst Gerlach.
Hier wird auch auf das Buch "Jena - Bewegte Zeiten. Die 50er und 60er
Jahre" von Just Bergner verwiesen.

W.
Lars Gebauer
2011-05-03 05:52:01 UTC
Permalink
Post by Thomas Wedekind
Am Mon, 02 May 2011 20:05:06 +0200 schrieb Lars Gebauer
Post by Lars Gebauer
War vielleicht auch von Klassenleiter zu Klassenleiter - bzw. von
Schule zu Schule - verschieden. Manche wollten halt unbedingt den
Plan erfüllen.
Es gab da auch reichlich sinnfreie "Pläne" zu erfüllen.
Klar.
Post by Thomas Wedekind
Z.B. durften wir uns als Klasse in mindestens zwei Jahren als
Jubelkommando gegenüber der Tribüne aufstellen (Jena, zwischen 1975
und 1978). Über uns hing ein Mikrofon; ab und an brüllte der Anheizer
da drüben etwas wie "Der Sozialismus, er lebe .......", von uns kam
dann das "HOCH" so laut wie möglich. Die Truppe musste schalten, wenn
der Sprecher Anlauf nahm; an etwas wie einen Dirigenten kann ich mich
nicht erinnern.
ROTFL

Also so ein Affentheater hat es bei mir definitiv nicht gegeben. Wie
gesagt: Es wird auch von Schule zu Schule verschieden gewesen sein.
Ronald Konschak
2011-05-02 17:20:55 UTC
Permalink
Hi,

Einen Zwang, zur Maidemonstration zu gehen, kenne ich nur von
der Schule und der Lehre. Ab der 5ten Klasse wurde da
gesteigerter Wert drauf gelegt und auch angemeckert, wenn
wer nicht kam. In der Lehre durften wir dann in GST-Uniform
marschieren. Ich glaube aber nur im 1. Jahr. In den acht Jahren
danach bis 1990 bin ich nur noch einmal dagewesen, und das
auch nur, um anschließend mit ein paar Kumpels im Großen
Garten den Kollegen der Gastronomie bei der Erfüllung des
Umsatzplanes zu helfen. ;-) Überhaupt hatte der 1.Mai
zunehmend Volksfestcharakter. Freßgutscheine gabs bei
uns nicht, auch sonst keine Belobigungen für die Teilnahme.

Ronald.
--
Mit den Festnahmen zeigt sich, wie sinnvoll etwa die Übertragung von Aufgaben
des internationalen Terrorismus auf das Bundeskriminalamt im Jahre 2009 war.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU)
Andrej Kluge
2011-05-02 17:44:28 UTC
Permalink
Hi,
Post by Matthias Opatz
Es gab auch tatsächlich immer wieder Leute, die sich einen Teufel um
irgendwelche politischen Bekundungen scherten und mit oder ohne
Alibi (Fuß verstaucht?) es vorzogen, auszuschlafen oder zB auf dem
Balkon, im Garten oder im Wald unpolitischen Interessen nachzugehen.
Für uns, als Jugendliche (bis zur Lehre), war das Ganze eher eine
gemeinschaftlicher Gaudi, der nicht allzu ernst genommen wurde. Man ist halt
die zwei, drei Stunden rumgelatscht (man wußte bei uns in der Kleinstadt,
daß man den Weg eben zwei, dreimal laufen mußte, damit es nach mehr
aussieht), und danach war abfeiern angesagt. Ich kann mich an keinen
erinnern, der sich da von Anfang an abgeseilt hätte. Wär ja auch blöd
gewesen, so ganz alleine, während alle Kumpels die Demo durchziehen und dann
feiern. Außerdem dann der Streß wegen den Nachfragen und bösen Blicken, wo
man denn gewesen sei. Nö, das war eher eine mehr oder weniger lästige Sache,
die man einmal im Jahr gemacht hat, aber nichts außergewöhnlich belastendes.
Und als Zwang haben wir es damals auch nicht empfunden, es gehörte halt zum
üblichen Ritual, wie z.B. auch die Fahnenappelle zu allen möglichen
Gelegenheiten. Man (ich) war wohl damals noch zu unkritisch, um solche
Sachen überhaupt zu hinterfragen.

Ciao
AK
Ulli Thom
2011-05-02 19:46:11 UTC
Permalink
Post by Matthias Opatz
Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?
Matthias
Klar gab es Konsequenzen, ich bekam dann nicht die 5 Mark für das
anschließende Besäufnis!
Wolfgang P u f f e
2011-05-02 20:30:05 UTC
Permalink
"Matthias Opatz" schrieb...
Post by Matthias Opatz
Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?
Nein, eigentlich nicht.

Die Erinnerungen, wie der 1. Mai in der Schulzeit ablief, sind
komplett weg.

In der Lehrzeit war Demo im FDJ-Hemd "angeordnet" und man hat
es mit leisem Maulen hingenommen, wie das Fach Wehrerziehung.

Im Betrieb (Mitte 80er) versuchte man mit sanftem Nachdruck(*)
und teilweise mit Bratwurstgutscheinen die Leute zum Erscheinen
zu animieren.

Es kam immer auf die Menschen/Vorgesetzte an, mit denen man
zu tun hatte und auch auf geschickte Argumentation.(**)

Zu (*):
"Kollege... Du willst Anfang Juni an der Lohngruppenqualifizierung
teilnehmen? Da sind dieses Jahr aber nicht mehr viele Plätze
frei..."

Zu (**):
"Ja, die Lohngruppenquali ist mir schon wichtig. Schlieslich
bin ich seit 5 Jahren Träger des "Qualitätssiegels der Jugend"
und habe beim Jugendobjekt "XY" dieses Jahr schon zwei (bezahlte)
Sonderschichten geleistet.
Lächerlich! Aber solche Kleinigkeiten konnten einem weiterhelfen.

Als Schichtarbeiter und von permanenten nächtlichen Zugverspätungen
geplagter Pendler gabs aber auch keine Probleme, wenn man sein
Fernbleiben ebendamit begründete.

W.
Boris Gerlach
2011-05-03 04:51:54 UTC
Permalink
Post by Matthias Opatz
Hatten neulich in kleiner Runde das Thema 1. Mai inne DDR. Es bestand
Einigkeit, dass die Teilnahme an der Maikundgebung bzw. -demo erwartet
wurde und auch sanfter (verbaler) Druck dahingehend ausgeübt wurde.
In Schwedt wurden die Schankanlagen erst geoeffnet wenn die Demo rum
war. Man lief mit weil es so angeordnet war. Die Klassenverantwortlichen
entweder die Klassenlehrer oder die Gruppenratsvorsitzenden liessen wie
beim Fahnenapell antreten und zaehlten durch. Aber nur vor der Demo.
Am Ende der Demo also in Schwedt also am Ende der Karl Marx Allee
war auf dem Gelaende wo jetzt das Kulturhaus steht ein Rummel aufgebaut
und dort loeste sich alles auf. Wenn man also kein Plakat oder anderes
Accessoire zugeteilt bekam dann konnte man gleich nach dem Durchzaehlen
abhauen aber was brachte das? Man wollte ja eh dorthin wo die Demo
endete also konnte man auch gleich mitlaufen.
Vor der Demo wurde verbal Druck gemacht, agitiert und freiwillig
"gemacht". Nach der Demo war offiziell keine Konsequenz zu spueren
wenn einer doch gefehlt hatte und ich habe auch von keiner Stasiakte in
den letzten zwanzig Jahren gehoert, wo das ausgewertet worden waere.
Es war immer dieses "Du wirst schon sehen was Du davon hast, irgendwann
willst Du ja auch mal wieder was!" Die unausgeprochne Drohung
letztendlich ohne Folgen, wenn man eben nichts von denen wollte. Es war
wie immer dort. je mehr man selbst noch vom System erwartete, desto
mehr konnten sie ein unter Druck setzen. Erwartete man nichts mehr, war
der diffuse Druck wirkungslos.

In Berlin war alles anders. Durch die schiere Groesse der Demo auf der
Karl Marx Allee resp Frankfurter Allee konnte man sich gut in die
jeweiligen U-Bahn Schaechte absetzen. Hier erlebte ich aber neu im
Gegensatz zu Schwedt professionelle Losungsverteiler. Man wollte mir
doch kurz vor der Tribuene eine Schild mit einer Losung " Ich bin
Kandidat der SED" in die Hand druecken. Das konnte ich gerade noch so
abwimmeln. Auch ein mehrfaches Vorbeidefilieren an der Tribuene gabs in
Schwedt nicht, sehrwohl in Berlin, was wohl damit zusammenhing, dass in
Berlin einfach mal die richtigen VIPs auf der Tribuene standen und in
Schwedt nur die Lokalmatadoren.

Anzugsordnung war Pionierkleidung oder FDJ-Hemd. Diese Utensilien
(besonders das FDJ Hemd) verschwanden nach der Demo schnell in
irgendwelchen mitgenommenen Umhaengebeuteln aber viele liessen es an
weil es ihnen egal war. Ich wurde mal von einem Hundertschaftsfuehrer
der FDJ Ordnungsgruppe zum Pfingsttreffen der FDJ 1979 zurechgestaucht,
weil ich mein FDJ Hemd zusammengerollt zwischen Beutel und Beutelklappe
transportierte.

War dann die Demo rum, war es meist ein schoener Tag, denn die
Organisatoren liessen sich nicht lumpen und es wurde ordentlich was
geboten. In Schwedt wurde das Geschehen spaeter auf den "Platz der
Befreiung" verlagert als das Rummelareal dem neuen Kulturhaus weichen
musste.Der Rummel war dann dort und neben dem Kompaktbau. Es wurde
ordentlich Bier konsumiert und auch kleiner Feten abgezogen (Klampfe
etc) Unvergessen die Bratwurst und die Schaschliks an der Eselstraenke.
Sowas gibts heute nicht mehr. Auch die Broiler waren spitze.
Ich erinnere mich nur an schoenes Wetter zum 1.Mai Immer blauer Himmel
warm und nie Regen. Die ganzen Jahre nicht.
Post by Matthias Opatz
Gelegentlich unterstützt durch eine kleine materielle Motivation, zB
ein Freibier- oder Imbiss-Bon (oder 5 Mark Bargeld dafür), der erst
nach der Demo ausgegeben wurde. Eine rechtliche Handhabe, jemanden
zur Teilnahme zu bewegen, gab es aber nach unserer drei Leute Meinung
nicht. War ein gesetzlicher Feiertag, und gut.
Ack. mein Vater war als Sanitaeter Mitglied der Kampfgruppe und
marschierte in vollem Wichs und leerer Makarow mit. Er bekam sehr
geringfuegige Bons so fuer Brathaenchen bei der Eselstraenke oder
fuer den Rummel. So wie heute in Muenchen noch manche Betriebe ihrer
Belegschaft Bier und Hendelmarken fuers Oktoberfest ausgeben.
Gezwungen wurde niemand. Hab ich nie erlebt.
Post by Matthias Opatz
Es gab auch tatsächlich immer wieder Leute, die sich einen Teufel um
irgendwelche politischen Bekundungen scherten und mit oder ohne Alibi
(Fuß verstaucht?) es vorzogen, auszuschlafen oder zB auf dem Balkon,
im Garten oder im Wald unpolitischen Interessen nachzugehen.
Man machte das ja auch aber erst nach der Demo.
Begann die um 9,00 Uhr war sie fuer die ersten schon um 10,00 Uhr vorbei
und man machte was man wollte. Und wie gesagt, die Bierversorgung
wurde erst nach Abschluss der Demo eroeffnet. Es gab aber immer welche
die nicht teilnahmen. In der Karl Marx Alle gabs in Schwedt die Berliner
Scheiben. Das waren so 10 geschossigen Hochhaeuser mit Fliesen aussen
dran. Da sass mal einer im 10 Stock aufm Fensterbrett und liess die
Beine raushaengen in der einen Hand eine Papierfahne in der anderen eine
Bierpulle. Der wurde schnell vom Fenster entfernt. Man kann aber nicht
sagen, dass nun alle unter dem "Joch" der Pflichtdemo gelitten haetten.
Die Demo war Bestandteil des normalen Lebens und auch die Kleinen
hatten viel Spass dabei. Mein Vater fluchte nur ueber den Fanfarenzug,
der frueh um 8te durch die Stadt marschierte und die ganzen Leute
aufweckte.
Post by Matthias Opatz
Ich kann mich nicht erinnern, dass dies bei Otto-Normalverbraucher
(also nicht in der Partei und ohne Karriereambitionen) irgendwelche
Konsequenzen hatte. Und bei Genossen ohne hinreichende Entschuldigung
waren die Konsequenzen des Fernbleibens eher verbal, sodass man das
nächste Mal einfach hingegangen ist, um vor endlosen Debatten seine
Ruhe zu haben.
Ack.
Post by Matthias Opatz
Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?
Nein.
Post by Matthias Opatz
Matthias
BGE
Boris Gerlach
2011-05-03 04:55:45 UTC
Permalink
Post by Matthias Opatz
Hatten neulich in kleiner Runde das Thema 1. Mai inne DDR. Es bestand
Einigkeit, dass die Teilnahme an der Maikundgebung bzw. -demo erwartet
wurde und auch sanfter (verbaler) Druck dahingehend ausgeübt wurde.
In Schwedt wurden die Schankanlagen erst geoeffnet wenn die Demo rum
war. Man lief mit weil es so angeordnet war. Die Klassenverantwortlichen
entweder die Klassenlehrer oder die Gruppenratsvorsitzenden liessen wie
beim Fahnenapell antreten und zaehlten durch. Aber nur vor der Demo.
Am Ende der Demo also in Schwedt also am Ende der Karl Marx Allee
war auf dem Gelaende wo jetzt das Kulturhaus steht ein Rummel aufgebaut
und dort loeste sich alles auf. Wenn man also kein Plakat oder anderes
Accessoire zugeteilt bekam dann konnte man gleich nach dem Durchzaehlen
abhauen aber was brachte das? Man wollte ja eh dorthin wo die Demo
endete also konnte man auch gleich mitlaufen.
Vor der Demo wurde verbal Druck gemacht, agitiert und freiwillig
"gemacht". Nach der Demo war offiziell keine Konsequenz zu spueren
wenn einer doch gefehlt hatte und ich habe auch von keiner Stasiakte in
den letzten zwanzig Jahren gehoert, wo das ausgewertet worden waere.
Es war immer dieses "Du wirst schon sehen was Du davon hast, irgendwann
willst Du ja auch mal wieder was!" Die unausgeprochne Drohung
letztendlich ohne Folgen, wenn man eben nichts von denen wollte. Es war
wie immer dort. je mehr man selbst noch vom System erwartete, desto
mehr konnten sie ein unter Druck setzen. Erwartete man nichts mehr, war
der diffuse Druck wirkungslos.

In Berlin war alles anders. Durch die schiere Groesse der Demo auf der
Karl Marx Allee resp Frankfurter Allee konnte man sich gut in die
jeweiligen U-Bahn Schaechte absetzen. Hier erlebte ich aber neu im
Gegensatz zu Schwedt professionelle Losungsverteiler. Man wollte mir
doch kurz vor der Tribuene eine Schild mit einer Losung " Ich bin
Kandidat der SED" in die Hand druecken. Das konnte ich gerade noch so
abwimmeln. Auch ein mehrfaches Vorbeidefilieren an der Tribuene gabs in
Schwedt nicht, sehrwohl in Berlin, was wohl damit zusammenhing, dass in
Berlin einfach mal die richtigen VIPs auf der Tribuene standen und in
Schwedt nur die Lokalmatadoren.

Anzugsordnung war Pionierkleidung oder FDJ-Hemd. Diese Utensilien
(besonders das FDJ Hemd) verschwanden nach der Demo schnell in
irgendwelchen mitgenommenen Umhaengebeuteln aber viele liessen es an
weil es ihnen egal war. Ich wurde mal von einem Hundertschaftsfuehrer
der FDJ Ordnungsgruppe zum Pfingsttreffen der FDJ 1979 zurechgestaucht,
weil ich mein FDJ Hemd zusammengerollt zwischen Beutel und Beutelklappe
transportierte.

War dann die Demo rum, war es meist ein schoener Tag, denn die
Organisatoren liessen sich nicht lumpen und es wurde ordentlich was
geboten. In Schwedt wurde das Geschehen spaeter auf den "Platz der
Befreiung" verlagert als das Rummelareal dem neuen Kulturhaus weichen
musste.Der Rummel war dann dort und neben dem Kompaktbau. Es wurde
ordentlich Bier konsumiert und auch kleiner Feten abgezogen (Klampfe
etc) Unvergessen die Bratwurst und die Schaschliks an der Eselstraenke.
Sowas gibts heute nicht mehr. Auch die Broiler waren spitze.
Ich erinnere mich nur an schoenes Wetter zum 1.Mai Immer blauer Himmel
warm und nie Regen. Die ganzen Jahre nicht.
Post by Matthias Opatz
Gelegentlich unterstützt durch eine kleine materielle Motivation, zB
ein Freibier- oder Imbiss-Bon (oder 5 Mark Bargeld dafür), der erst
nach der Demo ausgegeben wurde. Eine rechtliche Handhabe, jemanden
zur Teilnahme zu bewegen, gab es aber nach unserer drei Leute Meinung
nicht. War ein gesetzlicher Feiertag, und gut.
Ack. mein Vater war als Sanitaeter Mitglied der Kampfgruppe und
marschierte in vollem Wichs und leerer Makarow mit. Er bekam sehr
geringfuegige Bons so fuer Brathaenchen bei der Eselstraenke oder
fuer den Rummel. So wie heute in Muenchen noch manche Betriebe ihrer
Belegschaft Bier und Hendelmarken fuers Oktoberfest ausgeben.
Gezwungen wurde niemand. Hab ich nie erlebt.
Post by Matthias Opatz
Es gab auch tatsächlich immer wieder Leute, die sich einen Teufel um
irgendwelche politischen Bekundungen scherten und mit oder ohne Alibi
(Fuß verstaucht?) es vorzogen, auszuschlafen oder zB auf dem Balkon,
im Garten oder im Wald unpolitischen Interessen nachzugehen.
Man machte das ja auch aber erst nach der Demo.
Begann die um 9,00 Uhr war sie fuer die ersten schon um 10,00 Uhr
vorbei und man machte was man wollte. Und wie gesagt, die Bierversorgung
wurde erst nach Abschluss der Demo eroeffnet. Es gab aber immer welche
die nicht teilnahmen. In der Karl Marx Alle gabs in Schwedt die Berliner
Scheiben. Das waren so 10 geschossigen Hochhaeuser mit Fliesen aussen
dran. Da sass mal einer im 10 Stock aufm Fensterbrett und liess die
Beine raushaengen in der einen Hand eine Papierfahne in der anderen eine
Bierpulle. Der wurde schnell vom Fenster entfernt. Man kann aber nicht
sagen, dass nun alle unter dem "Joch" der Pflichtdemo gelitten haetten.
Die Demo war Bestandteil des normalen Lebens und auch die Kleinen
hatten viel Spass dabei. Mein Vater fluchte nur ueber den Fanfarenzug,
der frueh um 8te durch die Stadt marschierte und die ganzen Leute
aufweckte.
Post by Matthias Opatz
Ich kann mich nicht erinnern, dass dies bei Otto-Normalverbraucher
(also nicht in der Partei und ohne Karriereambitionen) irgendwelche
Konsequenzen hatte. Und bei Genossen ohne hinreichende Entschuldigung
waren die Konsequenzen des Fernbleibens eher verbal, sodass man das
nächste Mal einfach hingegangen ist, um vor endlosen Debatten seine
Ruhe zu haben.
Ack.
Post by Matthias Opatz
Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?
Nein.
Post by Matthias Opatz
Matthias
BGE
Marco Werner
2011-05-03 08:53:08 UTC
Permalink
Post by Matthias Opatz
Es gab auch tatsächlich immer wieder Leute, die sich einen Teufel um
irgendwelche politischen Bekundungen scherten und mit oder ohne Alibi
(Fuß verstaucht?) es vorzogen, auszuschlafen oder zB auf dem Balkon,
im Garten oder im Wald unpolitischen Interessen nachzugehen.
Meine Erfahrungen mit 1.Mai-Demos beschränken sich auf die Zeit von 1983
bis 1989,als ich noch Schüler war.Genauergesagt hab ich mich meist davor
gedrückt. In unserer Schule "durften" sogar schon die Erstklässler zur
Demo antreten. In den ersten 4 Jahren konnte ich mich aufgrund eines
guten Drahtes zwischen Lehrerin und meinen Eltern immer wegen einer
"dringenden Familienfeier" vorm Marschieren drücken. Ab der 5.Klasse war
ich dann in einer AG des örtlichen Pionierhauses und einem Kegelverein.
Also rissen sich dann jedes Jahr der AG-Leiter, der Sportverein und
Schule darum, wo man seine "Pflicht" erfüllt,weil natürlich jede Seite
mit möglichst vielen Leuten dort aufkreuzen wollte. Kontrolliert hats
keiner,weswegen ich wirklich nur in der 5.Klasse zur Maidemo war. In den
restlichen 2 Jahren habe ich die 3 Parteien gegeneinander
ausgespielt...wenn man das so nennen will. Die AG dachte,ich sei mit dem
Sportverein dort, der Sportverein glaubte an die Schule und für die
Schule war ich mit der AG vor Ort. In der Praxis hab ich daheim am
Kopfkissen gelauscht und den freien Tag genossen :-D
Peter Veith
2011-05-03 13:53:48 UTC
Permalink
Post by Matthias Opatz
Ich kann mich nicht erinnern, dass dies bei Otto-Normalverbraucher
(also nicht in der Partei und ohne Karriereambitionen) irgendwelche
Konsequenzen hatte. Und bei Genossen ohne hinreichende Entschuldigung
waren die Konsequenzen des Fernbleibens eher verbal, sodass man das
nächste Mal einfach hingegangen ist, um vor endlosen Debatten seine
Ruhe zu haben.
Wenn man mal die 70er und 80er betrachtet: Gab es ernsthaftere
Konsequenzen für Kundgebungsverweigerer als Diskussionen?
Ich habe die 1960er und 1970er "aufm Dorf" verbracht und dort achtete
die Dorfgemeinschaft sehr wohl darauf, was wer so machte .... das galt
auch am 1. Mai. Also "mußte" ich mit meinen Eltern am 1.-Mai-Umzug
teilnehmen, anschließend gingen die erwachsenen Männer ins
Wirtshaus ... ebenfalls Ausfluß des "Gruppenzwanges" ;-)

Während der Lehre bin ich nach Hause gefahren und s.o.

Zu meiner NVA-Zeit hatten wir die Gefechtsbereitschaft
sicherzustellen, da gab es außer Kranke, Kommandierungen und einige
Urlauber nichts weiter. Ich würde nicht ausschließen, daß die
"Heeresleitung" und auserwählte Soldaten in der benachtbarten
Kreisstadt symbolisch mitdemonstrierten, aber eine weitere Teilnahme
kann ich mir kaum vorstellen.

Da war WIMRE tatsächlich nichts mit SED, Stasi und GULAG, eigentlich
Schade ;-) Hat noch jemand eine Plaste-Rote-Nelke zum anstecken?

Peter
--
Dem Frieden verpflichtet:
http://www.DDR-Luftwaffe.de
Matthias Opatz
2011-05-03 15:25:36 UTC
Permalink
Post by Peter Veith
Hat noch jemand eine Plaste-Rote-Nelke zum anstecken?
Plaste? Ich kenn nur Lackpapier.

Matthias
--
Als ich wie der Himmel war, überm Rosenstrauch, setzte mancher sich
und sprach: Rosen blühen auch! Ach wie ist der Himmel blank, keiner
kam darauf. Fiel mein Regen auf die Bank, standen alle Leute auf.

= Bitte bei Mailantwort Großbuchstaben aus Reply-Adresse löschen. =
Peter Veith
2011-05-03 15:30:35 UTC
Permalink
Post by Matthias Opatz
Post by Peter Veith
Hat noch jemand eine Plaste-Rote-Nelke zum anstecken?
Plaste? Ich kenn nur Lackpapier.
Richtig Plaste .... Google wirft aber nur andere raus, tja, dann gab es die
wohl auch nicht ;-)

Veith
--
Strukturen, Bilder & Geschichte(n) der LSK/LV
http://www.DDR-LUFTWAFFE.de
Wolfgang P u f f e
2011-05-04 13:33:21 UTC
Permalink
"Peter Veith" schrieb...
Post by Peter Veith
Post by Matthias Opatz
Post by Peter Veith
Hat noch jemand eine Plaste-Rote-Nelke zum anstecken?
Plaste? Ich kenn nur Lackpapier.
Richtig Plaste .... Google wirft aber nur andere raus, tja, dann gab es die
wohl auch nicht ;-)
Ich kenne auch nur die aus Plaste, zumindest würde ich das
rote Zeugs als Plaste bezeichnen weil WIMRE wasserfest.

Hier die letzte unten rechts:
http://www.ddr-abzeichen.info/1-mai-abzeichen.shtml

Hm... da war die Plaste wohl doch Lackpapier?

W.
Martin Ebert
2011-05-06 22:08:34 UTC
Permalink
Post by Matthias Opatz
Hatten neulich in kleiner Runde das Thema 1. Mai inne DDR.
Die Schilderung meines Erlebens sieht anders aus als die meiner
Vorredner.

Möglicherweise liegt das darin begründet, dass in meiner Stadt
es immer auch Umzüge in Zusammenhang mit Luther gab. Und man seitens
der Veranstalter sich in einem gewissen Wettbewerb sah.

Die hiesige Maidemonstration hatte starke Anklänge an einen Festumzug.
Gegenüber der Tribüne gab es einen Sprecher, der marktschreierisch
alles ankündigte. Betriebe stellten Festwagen.

Alle naselang stoppte der Zug, da direkt vor der Tribüne kurze Vor-
führungen gegeben wurden. Ich erinnere mich an Chöre, Turner, Boxer
mit mitgebrachtem "Ring"; auch an verschiedenste Tanzgruppen bis hin
zum Gesellschaftstanz.

Der Zug war durchaus kurzweilig - blöd nur, dass man selbst im Zug war.

Lustig war immer: Etwa 20 Meter (in Sichtweite der Tribüne) löste sich
das Ganze schlagartig auf. Alle waren auf einmal weg. Die einen, um
selbst den Festumzug zu sehen - die anderen, um den Biergarten ...

Ich hatte nie den Eindruck (das muss nichts bedeuten), dass da so sehr
viel freiwilliger Druck ausgeübt wurde. Das war in meiner Stadt ein
ordentlich großes Volksfest - mit fein Bratwurst und Bier.

Ich habe angelegentlich meiner forscherischen Fragen (GSSD) mir die
bekannten Fotos im Original angesehen. Es existieren nicht so viele:
Wer kam schon auf die Idee, ausgerechnet die Tribüne und Soldaten zu
fotografieren?

Da fiel mir auf: Selbst die sowjetischen Soldaten kamen da als Sportler
angelaufen, fein mit Fahnen. Diese typisches Ästhetik.

Mt
Florian Ritter
2011-05-09 08:25:44 UTC
Permalink
Post by Martin Ebert
Die Schilderung meines Erlebens sieht anders aus als die meiner
Vorredner.
Möglicherweise liegt das darin begründet, dass in meiner Stadt
es immer auch Umzüge in Zusammenhang mit Luther gab. Und man seitens
der Veranstalter sich in einem gewissen Wettbewerb sah.
Die hiesige Maidemonstration hatte starke Anklänge an einen Festumzug.
Gegenüber der Tribüne gab es einen Sprecher, der marktschreierisch
alles ankündigte. Betriebe stellten Festwagen.
Alle naselang stoppte der Zug, da direkt vor der Tribüne kurze Vor-
führungen gegeben wurden. Ich erinnere mich an Chöre, Turner, Boxer
mit mitgebrachtem "Ring"; auch an verschiedenste Tanzgruppen bis hin
zum Gesellschaftstanz.
Der Zug war durchaus kurzweilig - blöd nur, dass man selbst im Zug war.
In Greifswald war der Vorbeimarsch eher sehr dürftig. Stellplatz der
Univ. war der Goetheplatz, wir standen rum und es erschien ein
Theologe mit einem selbstgemachten Schild am Besenstiel, ein ganz
witziger Spruch zum Thema Umweltschutz. Der hat keine Minute dort
gestanden, wie aus dem Nichts tauchten zwei Zivile auf und führten den
Studenten ab. Von der Stasi-KD in der Domstr. waren die nicht, die
waren städtchenbekannt, insonderheit weil die montags früh komplett
auf dem Wall in greller Öffentlichkeit zum Sport antreten mußten, eine
der Konspirativität nicht unbedingt zuträgliche Maßnahme, außerdem
verkehrten die auch in der Studentenkneipe Greifswalder Hof (einer der
Gen. wurde vom Wirt im Damenklo bei befremdlichem Tun mit einer
Sekretärin erwischt) und nahmen erstaunliche Quantitäten
Hochprozentigens ein.
Kann es sein, daß zu solchen Terminen die Grauen ausgetauscht wurden,
zB zwischen Gwd. und Anklam? FR
Bernd Schwegmann
2011-05-09 21:31:42 UTC
Permalink
Florian Ritter <ab8a6588-2581-4940-920f-
Post by Florian Ritter
Kann es sein, daß zu solchen Terminen die Grauen ausgetauscht wurden,
zB zwischen Gwd. und Anklam? FR
Das waren sicher diejenigen, welche Frank Castorf in seinem Kaschperl-
Theater an der Leipziger Allee für die Brechtaufführung anschwärzten.


BS+
Martin Ebert
2011-05-09 22:50:27 UTC
Permalink
Post by Florian Ritter
Theologe mit einem selbstgemachten Schild am Besenstiel, ein ganz
witziger Spruch zum Thema Umweltschutz. Der hat keine Minute dort
gestanden, wie aus dem Nichts tauchten zwei Zivile auf und führten den
Studenten ab.
Rein polizeitaktisch (und ohne jede moralische Würdigung) sieht das
ja erstmal professionell aus.
Post by Florian Ritter
Von der Stasi-KD in der Domstr. waren die nicht, die
waren städtchenbekannt,
Mit Sicherheit nicht alle. So doof waren die nun auch wieder nicht:
Die Operativen waren gut getarnt.

Aber für die von Dir beschriebene Nummer fallen die aus:
Das hätte ihre Tarnung auffliegen lassen.
Post by Florian Ritter
Kann es sein, daß zu solchen Terminen die Grauen ausgetauscht wurden,
zB zwischen Gwd. und Anklam? FR
Ich will es nicht ausschließen - gehört habe ich aber noch nie davon.

Ich sehe zwei andere Optionen:
a) Da waren Leute von HA PS (Hauptabteilung Personenschutz) in der
Stadt. [¹]
b) Die beiden Herren waren gar nicht MfS, sondern Kripo; hier: K 1.

[¹] Man muss ja berücksichtigen, dass das MfS ggf. einen "operativen
Hinweis" auf die geplante Aktion des Theologen hatte; Stichwort:
IM hat gepetzt.
In dem Fall hätte es einen Maßnahmenplan gegeben. Und weitere Leute
der Bezirksverwaltung und/oder der HA PS wären zugezogen worden.
Und die hätte man eben nicht erkannt.

Ich sagte es wohl schon (hat nicht primär mit MfS zu tun):
Die offene (die sieht man drei Meilen gegen den Wind - was gewollt ist).
Und die verdeckte Überwachung - da sieht man nichts.

Mit rein logischer Schlussfolgerung kommt man auf die Lösung des
Dilemmas: Der MfS-Überwachung eilt der Ruf voraus, dass sie so doof
waren, dass sie die Schweine bissen.

Was der Herr Theologe aus eigener Erfahrung sicher ganz anders sieht.

Mt

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