Discussion:
Heute ist 50 Jahrestag für den 17. Juni 1953
(zu alt für eine Antwort)
Sebastian Koppehel
2003-07-08 00:28:09 UTC
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Nach fuenfzig Jahren sollte es moeglich sein, den Aufstand so
einzuordnen, ohne ihn ideologisch missbrauchen zu muessen
Sag das den Medien.
Gerade las ich im Hamburger Abendblatt einen Artikel über eine
Stadtrundfahrt mit der Straßenbahn durch Berlin. Dort stand über die
Stalinallee:

"Hier begann der Aufstand vom 17. Juni 1953 als Protest von
Bauarbeitern gegen mörderische Arbeitsnormen."

http://www2.abendblatt.de/daten/2003/06/14/176093.html

Plakatanschläge im Hamburger Univiertel sind sich dagegen sicher, daß
die Arbeiter "für ein Rätedeutschland" kämpften.

- Sebastian
--
Hühner, die im Freien laufen,
können Sie bei uns _nicht_ kaufen.

(Fa. Markus Kartenbach, Neustadt-Glewe)
Patrick Bonacker
2003-07-08 07:48:17 UTC
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Hallo,
Post by Sebastian Koppehel
Gerade las ich im Hamburger Abendblatt einen Artikel über eine
Stadtrundfahrt mit der Straßenbahn durch Berlin. Dort stand über die
"Hier begann der Aufstand vom 17. Juni 1953 als Protest von
Bauarbeitern gegen mörderische Arbeitsnormen."
Ja, klar, um wieviel Prozent wurden "die Normen" erhöht? 10, WIMRE.
Und welche überhaupt? Alle?
"Mörderisch", tss, tss...

Heute dagegen: es wird als toller Erfolg angesehen, wenn jetzt Postler
"freiwillig" 48 Wochenstunden arbeiten "dürfen" (Meldung dieser Tage).
Hoffentlich bezahlt. In Kleinbetrieben und Mittelstand ist sowas
jedenfalls oft/meist unbezahlt...

Und wird dann mal ein paar Tage gestreikt (Hilfe! Aufstand!), heult
"die Wirtschaft" sofort Krokodilstränen, und prompt knicken die
Gewerkschaften ein. (Und da lacht man über Lenin... hat der nicht die
Notwendigkeit einer Partei neuen Typs AKA Vorhut der AK u. a. damit
erklärt, dass es die Gewerkschaften nicht bringen, nicht bringen
_können_?! Hat wohl doch Recht gehabt...)

Ach so, wir müssen ja jetzt alle zusammenhalten, um dieses nun schon
_Jahrhunderte_ (haha, diese Leute schimpfen andere "ewiggestrig")
nicht funktionierende System aufrecht zu halten.
Ich vergaß.

Jetzt aber an die Arbeit,
Patrick
Henning Schlottmann
2003-07-08 09:03:01 UTC
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Post by Patrick Bonacker
Post by Sebastian Koppehel
"Hier begann der Aufstand vom 17. Juni 1953 als Protest von
Bauarbeitern gegen mörderische Arbeitsnormen."
Ja, klar, um wieviel Prozent wurden "die Normen" erhöht? 10, WIMRE.
Und welche überhaupt? Alle?
"Mörderisch", tss, tss...
Jetzt sollte man aber mal die Hintergründe ansehen: Die Normen waren in
den ersten Jahren freihändig festgelegt worden und man kann sie nur als
unrealistisch bezeichnen. Es war den Bauarbeitern an der Stalinallee
problemlos möglich, sie überzuerfüllen und jede Übererfüllung brachte
satte Zulagen. Dies stand im eklatanten Gegensatz zu anderen
Berufsgruppen, wo die Normen kaum zu erreichen waren und Zulagen in
weiter Ferne lagen. Die Bauarbeiter auf Musterbaustellen mit guter
Versorgung an Arbeitsmaterial waren also in außergewöhnlichem Maße
privilegiert.

Im Juni 1953 wurden jetzt die ersten Vorlagen für Normen auf fachlicher
Basis ermittelt. Das Modell sah so aus, dass die Grundnormen um rund 10%
erhöht und die Zulagen für Übererfüllung weitgehend gestrichen bzw
gedeckelt werden sollten.

Ciao Henning
Patrick Bonacker
2003-07-08 11:24:05 UTC
Permalink
Hallo,

on Tue, 08 Jul 2003 12:10:09 +0200, Henning Schlottmann
Post by Henning Schlottmann
Im Juni 1953 wurden jetzt die ersten Vorlagen für Normen auf fachlicher
Basis ermittelt. Das Modell sah so aus, dass die Grundnormen um rund 10%
erhöht und die Zulagen für Übererfüllung weitgehend gestrichen bzw
gedeckelt werden sollten.
Läßt sich das irgendwo nachlesen? Demnach wäre die Nichtrücknahme - wenn
man schon klein beigibt - dieser Normen "bloß" ein politischer /
taktischer Fehler gewesen, aber sachlich gerechtfertigt ...
Zuletzt gelesen habe ich es vor drei Wochen in der Süddeutschen Zeitung,
aber dem Grund nach war mir das als Hintergund schon vorher bekannt.
Leider habe ich grade keinen Zugang zu schriftlichen Quellen. Im Netz
habe ich mal eben nichts gefunden.
Na gut, aber wenn das so war, dann waren die Normen doch erst recht
nicht "mörderisch" (q. e. d.).

Oder dient diese Argumentation jetzt nur zu Folgendem: eigentlich ging
es gar nicht um die Normen, sondern um's "SED-Regime" allgemein
(andererseits heißt's dann wieder, dass sich die "allgemeine Bosheit
des SED-Regimes" konkret vor allem in den "mörderischen Normen"
widerspiegelte... 'ne logische Wissenschaft ist die _bourgeoise
Historik_ nu aber nich, wa?)

Naive Grüße,
Patrick
Henning Schlottmann
2003-07-08 12:22:01 UTC
Permalink
Post by Patrick Bonacker
on Tue, 08 Jul 2003 12:10:09 +0200, Henning Schlottmann
Post by Henning Schlottmann
Im Juni 1953 wurden jetzt die ersten Vorlagen für Normen auf fachlicher
Basis ermittelt. Das Modell sah so aus, dass die Grundnormen um rund 10%
erhöht und die Zulagen für Übererfüllung weitgehend gestrichen bzw
gedeckelt werden sollten.
Na gut, aber wenn das so war, dann waren die Normen doch erst recht
nicht "mörderisch" (q. e. d.).
Aber die geplanten Normen hätten sehr deutliche Einkommenseinbußen
bedeutet. Und zwar nicht mal die Erhöhung der Norm um runde 10% sondern
der weitgehende Wegfall von Zulagen für Normübererfüllung.
Post by Patrick Bonacker
Oder dient diese Argumentation jetzt nur zu Folgendem: eigentlich ging
es gar nicht um die Normen, sondern um's "SED-Regime" allgemein
(andererseits heißt's dann wieder, dass sich die "allgemeine Bosheit
des SED-Regimes" konkret vor allem in den "mörderischen Normen"
widerspiegelte... 'ne logische Wissenschaft ist die _bourgeoise
Historik_ nu aber nich, wa?)
Das ist gar keine Argumentation. Es ist eine Information über weithin
unbekannte Hintergründe eines nicht unwesentlichen Ereignisses. Ob du
daraus den Schluß ziehst, dass der Arbeiter- und Bauernaufstand des 17.
Juni durch den Versuch der Besitzstandswahrung der privilegierten
Bauarbeiter an der Stalinallee ausgelöst wurde oder ob du einen anderen
Schluß ziehst, bleibt dir überlassen.

Es ist letztlich auch nur noch von akademischem Interesse, denn die
ersten Proteste haben eine Entwicklung ausgelöst, die sich vom
ursprünglichen Anlass völlig entfernt hat.

Man kann aber darüber spekulieren, ob die Staats- und Parteiführung
nicht von dieser Fortentwicklung völlig überrascht war und glaubte, die
Normfestsetzung ökonomisch begründen zu können, so dass sie mit dem
Massen-Protest einfach nicht gerechnet haben.

Ciao Henning
Lars Bruecher
2003-07-08 13:08:21 UTC
Permalink
Post by Henning Schlottmann
Post by Patrick Bonacker
on Tue, 08 Jul 2003 12:10:09 +0200, Henning Schlottmann
Post by Henning Schlottmann
Im Juni 1953 wurden jetzt die ersten Vorlagen für Normen auf
fachlicher Basis ermittelt. Das Modell sah so aus, dass die
Grundnormen um rund 10% erhöht und die Zulagen für Übererfüllung
weitgehend gestrichen bzw gedeckelt werden sollten.
Oder dient diese Argumentation jetzt nur zu Folgendem: eigentlich
ging es gar nicht um die Normen, sondern um's "SED-Regime" allgemein
(andererseits heißt's dann wieder, dass sich die "allgemeine Bosheit
des SED-Regimes" konkret vor allem in den "mörderischen Normen"
widerspiegelte... 'ne logische Wissenschaft ist die _bourgeoise
Historik_ nu aber nich, wa?)
Das ist gar keine Argumentation. Es ist eine Information über weithin
unbekannte Hintergründe eines nicht unwesentlichen Ereignisses. Ob du
daraus den Schluß ziehst, dass der Arbeiter- und Bauernaufstand des
17. Juni durch den Versuch der Besitzstandswahrung der privilegierten
Bauarbeiter an der Stalinallee ausgelöst wurde oder ob du einen
anderen Schluß ziehst, bleibt dir überlassen.
Zumal man auch beruecksichtigen sollte, dass eigentlich kein Aufstand und
keine Revolution zustande kommt, weil Menschen hehre Ideale haben,
sondern weil sie eigene Interessen meist materieller Art verfolgen.
Insofern ist es schon richtig auf die materielle Verschlechterung durch
die Normenerhoehung hinzuweisen. Den Arbeitern haben aber auch das
Problem gesehen: Da sie nicht im Rahmen z.B. einer funktionierenden
Tarifpartnerschaft demokratisch darauf Einfluss nehmen konnten mussten
sie die Verantwortlichen treffen, die das ohne demokratische
Legitimierung entschieden hatten: Das SED-Regime.

Gruss: Lars
Patrick Bonacker
2003-07-08 15:49:55 UTC
Permalink
Hallo,

on 8 Jul 2003 13:08:21 GMT, Lars Bruecher
<***@lars-bruecher.de> wrote:

[...]
Post by Lars Bruecher
Den Arbeitern haben aber auch das
Problem gesehen: Da sie nicht im Rahmen z.B. einer funktionierenden
Tarifpartnerschaft demokratisch darauf Einfluss nehmen konnten
[...]

:-)))
Wie z. B. wo?

Patrick
Peter Veith
2003-07-08 16:10:38 UTC
Permalink
Post by Patrick Bonacker
Post by Lars Bruecher
Den Arbeitern haben aber auch das
Problem gesehen: Da sie nicht im Rahmen z.B. einer funktionierenden
Tarifpartnerschaft demokratisch darauf Einfluss nehmen konnten
:-)))
Wie z. B. wo?
Hm, vielleicht in der Bundesrepublik? Natuerlich werden dort keine
Quote verhandelt, aber ich glaube, du weisst schon was ich meine.
Wenn Du auf den misslungenen Streik der IG Metall anspielst: In einer
Demokratie ist es auch erlaubt, sich daemlich anzustellen.
Mmmhh, ok, jetzt möchte ich doch meinem Ko*zen über die
gleichgeschaltete Monopolpresse und dem Staatsfernsehen sowieso
Ausdruck verleihen - es war völlig abartig was da gelaufen war.
Vielleicht haetten da
rechtzeitig die russischen Panzer rollen sollen, dann waere dieser
Unsinn nicht so weit gediehen.
Du meinst, das hätte den Streikenden geholfen? Die zeitliche Nähe zum
"17. Juni" und die antipode Beurteilung durch o.g. Organe war schon
gravierend und für jeden Auffallend, der sehen wollte.

Veith
--
Ist die Olle wieder keusch, guck Ossikram und Fliegerzeuch!
http://TV.ddr-luftwaffe.de
Lars Bruecher
2003-07-08 16:03:39 UTC
Permalink
Post by Lars Bruecher
Den Arbeitern haben aber auch das
Problem gesehen: Da sie nicht im Rahmen z.B. einer funktionierenden
Tarifpartnerschaft demokratisch darauf Einfluss nehmen konnten
mussten sie die Verantwortlichen treffen, die das ohne demokratische
Legitimierung entschieden hatten: Das SED-Regime.
Du hast noch vergessen auf die fehlende Pressfreiheit hinzuweisen!
Daher mußten sie sich auch übern RIAS artikulieren!
Danke fuer den Nachtrag. Auch das stimmt natuerlich damals uebrigens genau
so wie 1989, wie du ja meines Wissens schon im meiner Magisterarbeit
gelesen hast (jedenfalls hast du sie hier mal zitiert - und zwar in b41oi6
$8k8$***@news.eusc.inter.net).

Gruss: Lars
Peter Veith
2003-07-08 17:46:56 UTC
Permalink
Post by Lars Bruecher
Du hast noch vergessen auf die fehlende Pressfreiheit hinzuweisen!
Daher mußten sie sich auch übern RIAS artikulieren!
Danke fuer den Nachtrag. Auch das stimmt natuerlich damals uebrigens
genau so wie 1989, wie du ja meines Wissens schon im meiner
Magisterarbeit gelesen hast (jedenfalls hast du sie hier mal zitiert
So schließt sich der Kreis. Deine Arbeit "Das Westfernsehen und der
revolutionäre Umbruch in der DDR im Herbst 1989", Magisterarbeit im
Fach Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld,
Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, September 2000,
gehört natürlich zu meinen wichtigsten Dokumenten, um die
Wühlarbeit und Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines
souveränen Staates durch die Bonner Machthaber zu belegen! <s>

Veith
--
Ist die Olle wieder keusch, guck Ossikram und Fliegerzeuch!
http://TV.ddr-luftwaffe.de
Wolfram Steinacker
2003-07-08 22:31:04 UTC
Permalink
Post by Peter Veith
So schließt sich der Kreis. Deine Arbeit "Das Westfernsehen und der
revolutionäre Umbruch in der DDR im Herbst 1989", Magisterarbeit im
Fach Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld,
Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, September 2000,
gehört natürlich zu meinen wichtigsten Dokumenten, um die
Wühlarbeit und Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines
souveränen Staates durch die Bonner Machthaber zu belegen! <s>
So? Ging das wirklich? Mit Erfolg?
Da haben die bemüht laborierenden Genossen von der Ätherfront (ich sage
nur Soldatensender) wieder mal eine exorbitante Eigenheit des Sozialismus
nachhaltig demonstriert: Pfusch auf der ganzen Linie!
Sollte dir aus der eigenen Praxis eigentlich nicht ganz unbekannt sein:
Sender ohne _Empfänger_ stehen auf verlorenem Posten.

grüße

Wolfram
Mario Faroldi
2003-07-09 00:16:04 UTC
Permalink
Post by Wolfram Steinacker
Post by Peter Veith
So schließt sich der Kreis. Deine Arbeit "Das Westfernsehen und der
revolutionäre Umbruch in der DDR im Herbst 1989", Magisterarbeit im
Fach Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld,
Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, September 2000,
gehört natürlich zu meinen wichtigsten Dokumenten, um die
Wühlarbeit und Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines
souveränen Staates durch die Bonner Machthaber zu belegen! <s>
So? Ging das wirklich? Mit Erfolg?
Da haben die bemüht laborierenden Genossen von der Ätherfront (ich
sage nur Soldatensender) wieder mal eine exorbitante Eigenheit des
Sozialismus nachhaltig demonstriert: Pfusch auf der ganzen Linie!
Sollte dir aus der eigenen Praxis eigentlich nicht ganz unbekannt
sein: Sender ohne _Empfänger_ stehen auf verlorenem Posten.
in Berlin war der zum Bleistift nicht zu empfangen, da auf der gleichen,
oder fast gleichen Frequenz wie der AFN Berlin sendete :-) aber der
Deutsche Freiheitssender 904 war sehr gut zu empfangen :-)

Bye Mario
Martin Ebert
2003-07-10 00:34:45 UTC
Permalink
Post by Wolfram Steinacker
Sollte dir aus der eigenen Praxis eigentlich nicht ganz unbekannt
sein: Sender ohne _Empfänger_ stehen auf verlorenem Posten.
damit kannst Du jetzt unmöglich mich meinen! Auf meiner Impressum-Seite
steht die genaue Statistik (kein Fake) :-)
BTW lies die Magisterarbeit!
Also *den* Schwenk muss man draufhaben!

Nun denkt jeder, dass da -irgendwo eine Statistik der DDR-Sender zum
DDR-Volk stünde.

Ich habe mir die Mühe gemacht, da (1) mal nachzusehen. Da steht
nichts dergleichen. Da steht Peters Serverstatistik.

Und was sagt die genau? Dass die Zugriffe auf seine Seiten wachsen.

Und was beweist das genau?
a) Dass sich Leute für NVA: LSK/LV interessieren
b) Dass Peter Seiten mit Suchmaschinen-affinen Begriffen hat
c) Dass Peter bei google gut verlinkt ist. (Allerdings ist ein
Google-PR=3 eher lausig)
d) dass immer mehr Leute das Internet nutzen

Peter, Du hast "Internet" nur teilweise verstanden: Die
Sender-Empfänger-Theorie ist da einigermaßen ungeeignet.

1) http://home.snafu.de/veith/impressu.htm

Martin Ebert
Lars Bruecher
2003-07-09 08:40:44 UTC
Permalink
Post by Peter Veith
Post by Lars Bruecher
Du hast noch vergessen auf die fehlende Pressfreiheit hinzuweisen!
Daher mußten sie sich auch übern RIAS artikulieren!
Danke fuer den Nachtrag. Auch das stimmt natuerlich damals uebrigens
genau so wie 1989, wie du ja meines Wissens schon im meiner
Magisterarbeit gelesen hast (jedenfalls hast du sie hier mal zitiert
So schließt sich der Kreis. Deine Arbeit "Das Westfernsehen und der
revolutionäre Umbruch in der DDR im Herbst 1989", Magisterarbeit im
Fach Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld,
Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, September 2000,
gehört natürlich zu meinen wichtigsten Dokumenten, um die
Wühlarbeit und Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines
souveränen Staates durch die Bonner Machthaber zu belegen! <s>
Es ist richtig, dass ich in meiner Magisterarbeit darauf hingewiesen
habe, dass die oeffentlich-rechtlichen Sender den politisch durch die
Verwaltungsraete vorgegebenen Auftrag hatten, sich mit der DDR zu
beschaeftigen und anfangs auch zu indoktrinieren. Wenn Du die Arbeit
richtig gelesen haettest, wuesstest Du aber auch, dass sich sowohl Sender
als auch die meisten Journalisten recht wenig darum kuemmerten.
Kennzeichen D zum Beispiel war laut Umfragen in der DDR gerade deshalb so
beliebt, weil es keine einseitige Propaganda brachte, sondern auch die
wenigen Sonnenseiten des real existierenden Sozialismus zeigte.

Lediglich die Journalisten in Ost-Berlin oder wenn du moechtest: Berlin -
Hauptstadt der DDR, die hautnah mitbekamen, wie dieser real existierende
Sozialismus aussah, haben der Opposition geholfen, eine gewisse
Publizitaet zu erreichen und sie - was nicht unerheblich war - damit vor
Verfolgung zu schuetzen.

Dies ist kein Eingriff in die Souveraenitaet eines Staates. Ich verlange
auch heute von Journalisten, dass sie alle Seiten einer Medaille zeigen -
auch in anderen Laendern. Die These, dass die Sendungen ueber die
Buergerbewegung allein einen grossen Einfluss hatte, widerlegt sich schon
dadurch, dass die Berichterstattung ueber die DDR-Opposition jahrelang
politisch nahezu folgenlos war. Erst in Zusammenhang mit anderen
Ereignissen (Perestroika, wirtschaftlicher Zusammenbruch der DDR) konnte
sich eine Dynamik entfalten, in der auch das Westfernsehen eine grosse
Rolle spielte.

Du hast allerdings eine keine ganz grosse Meinung von Deinen ehemaligen
Landsleuten, wenn Du meinst, fremde Einfluesse haetten da die Hauptrolle
gespielt. In diesem Fall haben sie ein Verlangen nach Veraenderung
hoechstens verstaerkt, das eh vorhanden war. Wer glaubt, man koenne eine
Revolution medial erzeugen, haelt die Leute fuer duemmer als sie sind.

Darf ich also zusammenfassen:
Du waerst dafuer gewesen, dass in der BRD nur die Verlautbarungen des
Politbueros veroeffentlicht werden, am besten im gleichen engagiert
vorgetragenen Ton wie von Angelika Unterlauf.
Gegner des Sozialismus haben in Deinen Augen kein Recht auf oeffentliche
Meinungsaeusserung.
Die Oppositionsbewegung von hunderttausenden Menschen war eine
Inszenierung des BRD-Regierung, agitiert vom Westfernsehen.

Ich hoffe nicht, dass das Deine Gedankenwelt ist. Ausserdem nehme ich
auch an, dass Dir die Komplexitaet der Gruende, warum Dein Lieblingsstaat
unterging, im Grunde bekannt ist.

Gruss: Lars
Veith
2003-07-09 09:30:53 UTC
Permalink
Post by Lars Bruecher
Post by Peter Veith
So schließt sich der Kreis. Deine Arbeit "Das Westfernsehen und der
revolutionäre Umbruch in der DDR im Herbst 1989"...
gehört natürlich zu meinen wichtigsten Dokumenten, um die
Wühlarbeit und Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines
souveränen Staates durch die Bonner Machthaber zu belegen! <s>
Es ist richtig, dass ich in meiner Magisterarbeit darauf hingewiesen
habe, dass die oeffentlich-rechtlichen Sender den politisch durch die
Verwaltungsraete vorgegebenen Auftrag hatten, sich mit der DDR zu
beschaeftigen und anfangs auch zu indoktrinieren.
Danke für die Bestätigung.
Post by Lars Bruecher
Wenn Du die Arbeit
richtig gelesen haettest, wuesstest Du aber auch, dass sich sowohl Sender
als auch die meisten Journalisten recht wenig darum kuemmerten.
Der übliche Unterschied zwischen Theorie und Praxis, besser zwischen
Anforderung und Realisierung.
Post by Lars Bruecher
Lediglich die Journalisten in Ost-Berlin oder wenn du moechtest: Berlin -
Hauptstadt der DDR, die hautnah mitbekamen, wie dieser real existierende
Sozialismus aussah, haben der Opposition geholfen, eine gewisse
Publizitaet zu erreichen und sie - was nicht unerheblich war - damit vor
Verfolgung zu schuetzen.
Im September 2002 brachte Phoenix ein Disput über die Berichterstattung
aus der DDR. Das Niveau war leider nicht besonders hoch (Witzchen auf
Kosten von Honecker-Versprecher), aber interessant war für mich eins, daß
sie nun ihre Tätigkeit ausdücklich als Kampf gegen die DDR definierten
(Bahr), und nicht nur dümmlich laberten.
Post by Lars Bruecher
Dies ist kein Eingriff in die Souveraenitaet eines Staates.
Ich meine, das sieht jeder Staat anders. Stell' Dir das einfach mal
umgekehrt vor.
Post by Lars Bruecher
Die These, dass die Sendungen ueber die
Buergerbewegung allein einen grossen Einfluss hatte,
die ich im Übrigen gar nicht aufgestellt habe <s>
Post by Lars Bruecher
widerlegt sich schon
dadurch, dass ....
ACK
Post by Lars Bruecher
Du waerst dafuer gewesen, dass in der BRD nur die Verlautbarungen des
Politbueros veroeffentlicht werden, am besten im gleichen engagiert
vorgetragenen Ton wie von Angelika Unterlauf.
Gegner des Sozialismus haben in Deinen Augen kein Recht auf oeffentliche
Meinungsaeusserung.
Die Oppositionsbewegung von hunderttausenden Menschen war eine
Inszenierung des BRD-Regierung, agitiert vom Westfernsehen.
Wie kommst Du darauf?
Post by Lars Bruecher
Ich hoffe nicht, dass das Deine Gedankenwelt ist. Ausserdem nehme ich
auch an, dass Dir die Komplexitaet der Gruende, warum Dein Lieblingsstaat
unterging, im Grunde bekannt ist.
Das es komplexe Gründe waren, ist bekannt. Jedoch vermisse ich eben die
"Aufarbeitung" jener. Was heute unter dem Label "Aufarbeitung" läuft, ist
leider nichts weiter als eine "Abrechnung" und die Medien spielen dabei
ihren (durchaus wichtigen) Part.

Peter
--
http://DRR-luftwaffe.de
Bernd Ullrich
2003-07-09 11:54:07 UTC
Permalink
Post by Veith
Im September 2002 brachte Phoenix ein Disput über die
Berichterstattung
Post by Veith
aus der DDR. Das Niveau war leider nicht besonders hoch (Witzchen auf
Kosten von Honecker-Versprecher), aber interessant war für mich eins, daß
sie nun ihre Tätigkeit ausdücklich als Kampf gegen die DDR definierten
(Bahr), und nicht nur dümmlich laberten.
IMHO
http://www.phoenix.de/mxd/sendp/index.html?tag=020919

"Berlin: "Feindliche Stützpunkte - West-Korrespondenten in Ost-Berlin",
Veranstaltung der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des
Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen
Republik (BStU),
Podiumsdiskussion mit Egon Bahr (SPD, Bundesminister a.D.,
Mitunterzeichner des Grundlagenvertrags), Karl-Heinz Baum (Frankfurter
Rundschau), Karl-Wilhelm Fricke (ehem. Deutschlandfunk), Ulrike Poppe
(ehem. "Demokratie jetzt"), Günter Schabowski (ehem. Politibüro der
SED), Ulrich Schwarz (Der Spiegel).
Moderation: Fritz Pleitgen (WDR) und Christian Booß (BStU)"

mfg
BU
Veith
2003-07-09 12:10:49 UTC
Permalink
Post by Bernd Ullrich
Post by Veith
Im September 2002 brachte Phoenix ein Disput über die
Berichterstattung aus der DDR.
IMHO
http://www.phoenix.de/mxd/sendp/index.html?tag=020919
Genau!

Ich war zu faul zum Suchen, aber nun - hier gibt es mehr Einzelheiten:
http://www.phoenix.de/diskus/10319/index.html

Schön die Bildunterschrift: »Dem ARD-Korrespondenten Lothar Loewe wurde am
22. Dezember 1976 wegen "grober Einmischung in die inneren Angelegenheiten
der DDR" die Akkreditierung entzogen« Soviel zu "Wühlarbeit und
Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates" <s>

Das hatte ich mir nicht mehr angetan: »Ein "letztes Schlusswort" zur
Diskussion wird Wolf Biermann auch musikalisch vortragen.«

Peter
--
http://DDR-LUFTWAFFE.de
Bernd Ullrich
2003-07-09 14:12:22 UTC
Permalink
Post by Veith
Schön die Bildunterschrift: »Dem ARD-Korrespondenten Lothar Loewe wurde am
22. Dezember 1976 wegen "grober Einmischung in die inneren
Angelegenheiten der DDR" die Akkreditierung entzogen« Soviel zu
"Wühlarbeit und Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines
souveränen Staates" <s>
http://www.br-online.de/alpha/forum/vor9812/19981201_i.shtml

(" Hier in der DDR weiß jedes Kind, daß die Grenztruppen den strikten
Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen".)

Herr Reuß: Dieser Bericht ging als "Hasen-Bericht" oder
"Hasen-Kommentar" in die Geschichte ein. Gesprochen wurde er am 21.
Dezember 1976. Er hat dann zu Ihrer Ausweisung aus der DDR geführt: am
24.
.... sowie

" Sie hätten die Ausweisung also in diesen Tagen gegen Ende des Jahres
1976 so oder so vollzogen.
"
?

---
mfg
BU
Veith
2003-07-09 14:57:15 UTC
Permalink
Bernd Ullrich wrote:

[Lothar Loewe]
Post by Bernd Ullrich
http://www.br-online.de/alpha/forum/vor9812/19981201_i.shtml
Das war noch so ein richtiger Kalter Krieger :-)
Post by Bernd Ullrich
"Sie hätten die Ausweisung also in diesen Tagen gegen Ende des Jahres
1976 so oder so vollzogen."
?
Er ging sowieso von einer Ausweisung wegen anderer Aussagen aus, der
"Hasen-Kommentar" war in seinen Augen nur ein Vorwand. Zum "50. Jahrestag"
konnte er sich wieder einmal richtig austoben, s.a.:
http://morgenpost.berlin1.de/archiv2003/030606/berlin/story608630.html

Auch "schön": »An die Repressalien erinnerte auch der Historiker
Schroeder. "Als erste Maßnahme haben die Sowjets wahllos 18 Demonstranten
standrechtlich erschossen.«

"Dumm" nur, dass die sowj. Militärtribunale "leiglich" 6 Personen
standrechtlich erschossen - als Reaktion auf einen einen bewaffneten
Aufstand, bei denen unmittelbar 51 Menschen (darunter 7 Volkspolizisten
und MfS-Angehörige) starben. Die DDR fällte und vollstreckte infolge noch
weitere 2 Todesurteile. Manchmal werden zur DDR auch ein paar weitere
hinzugezählt, ggf. werden hier Plünderer und persönliche Abrechnungen am
17. Juni und die Urteile dazu später der "Rachejustiz" zugezählt.

Warum erinnert mich dieses monströse aufblasen wieder an die "1.000
Maueropfer" .... ich höre ja schon auf.

Ach'ja, meine Quelle ist wie üblich "Die getarnte Armee",
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3861532425/ddrluftwaffde-21 hier:
"SAPMO-BArch, NL 90/446, Bl. 293f." und internes Schreiben von Oberst
Fadejkin an
Marchall Sokolovski vom 29.06.1953

Peter
--
http://DDR-LUFTWAFFE.de
Florian Ritter
2003-07-10 15:11:38 UTC
Permalink
Post by Lars Bruecher
Post by Peter Veith
Post by Lars Bruecher
Du hast noch vergessen auf die fehlende Pressfreiheit hinzuweisen!
Daher mußten sie sich auch übern RIAS artikulieren!
Danke fuer den Nachtrag. Auch das stimmt natuerlich damals uebrigens
genau so wie 1989, wie du ja meines Wissens schon im meiner
Magisterarbeit gelesen hast (jedenfalls hast du sie hier mal zitiert
So schließt sich der Kreis. Deine Arbeit "Das Westfernsehen und der
revolutionäre Umbruch in der DDR im Herbst 1989", Magisterarbeit im
Fach Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld,
Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, September 2000,
gehört natürlich zu meinen wichtigsten Dokumenten, um die
Wühlarbeit und Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines
souveränen Staates durch die Bonner Machthaber zu belegen! <s>
Es ist richtig, dass ich in meiner Magisterarbeit darauf hingewiesen
Der Schubring ist ja woll noch in BI. Ist der jetzt schon Prof.? FR
Wolfram Steinacker
2003-07-09 20:04:20 UTC
Permalink
Post by Peter Veith
Deine Arbeit "Das Westfernsehen und der
revolutionäre Umbruch in der DDR im Herbst 1989", Magisterarbeit im
Fach Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld,
Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, September 2000,
gehört natürlich zu meinen wichtigsten Dokumenten, um die
Wühlarbeit und Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines
souveränen Staates durch die Bonner Machthaber zu belegen! <s>
Wer hat eigentlich das Diktum geprägt: "In der DDR hat jedermann das
Recht, sich überall zu informieren"?
Honecker... oder Ulbricht. Habs noch deutlich im Ohr.
Der Satz oben überholt beide scharf links, der Gulag lässt grüßen.

Übrigens konnte man's auch gaaanz anders sehen: Westfernsehen als Opium
für's Volk. Hat auch fast 40 Jahre funktioniert.
Kleiner Text, Quelle schnell findbar:

zuvor Grüße
Wolfram

Über die Mediennutzung in der DDR und die Auswirkungen der Nutzung des
Westfernsehens auf die DDR-Medien und den Staat an sich, gibt es in der
Forschung
unterschiedliche Erklärungsansätze. Beispielsweise sei das Westfernsehen
für die
DDR-Bevölkerung das ,,Fenster zur Welt"18 gewesen, und hätte das
Zusammengehörigkeitsgefühl der Ost- und Westdeutschen untereinander
entscheidend
gefördert19. Zusätzlich sei der DDR-Bevölkerung ständig ihre eigene
miserable Lage unter
der Herrschaft der SED vor Augen geführt worden; die Westmedien hätten sie
zu
Vergleichen des Lebensstandards zwischen Ost und West herausgefordert, die
miserable
wirtschaftliche Situation aufgedeckt - womit sie letztendlich den
angeblich ,,real
existierenden Sozialismus" in der DDR demaskierten20. In dieser Weise
hätten die Medien
der BRD, insbesondere ARD und ZDF, langfristig betrachtet, zur
Destabilisierung des
DDR-Systems beigetragen und letztlich auch zum Zusammenbruch der DDR
geführt21.
Auf der anderen Seite steht die Behauptung der Stabilisierung des
SED-Regimes und der
DDR durch die westlichen Medien. Genügte der DDR-Bevölkerung eine
zeitweilige ,,geistige
Ausreise" mittels der westlichen Medienangebote? Bewirkte das
Westfernsehen in der DDR
eine Zufriedenstellung der Bevölkerung mittels einer Entspannungstherapie
via Fernsehen?
Unbestritten ist, dass der Konsum des Westfernsehens vom eigenen Alltag in
der DDR
ablenkte, zeitweilig die Zuschauer die Tristesse ihrer Umgebung durchaus
vergessen
lassen hat. Die per Knopfdruck Ausgereisten empfanden ihre
Freiheitsberaubung als
weniger schmerzhaft22. Solange man Westfernsehen gucken konnte, war man
zufrieden,
hat es ausgehalten in der DDR: Das jedenfalls scheint die Beobachtung zu
bestätigen,
dass es in der Region Dresden, die kein Westfernsehen empfangen konnte,
die meisten
Ausreiseanträge und politischen Vorkommnisse gab23 - so dass die Führung
der SED 1988
tatsächlich erwog, des Bewohnern des ,,Tals der Ahnungslosen" über
Relaisstationen das
fehlende Westfernsehen zugänglich zu machen.
Dieser Umstand weist auf eine dritte mögliche und in der Forschung
diskutierte
Auswirkung des Nutzung von Westfernsehen hin: Man vermutet, dass die
Nutzung eine
Art Abschreckung gegenüber dem Westen verursache im Sinne einer
Videomalaise,
wonach das Fernsehen durch seine Berichterstattung ein negatives Image des
politischen
Systems erzeuge24. Das heißt, die westlichen Medien berichten über die
westliche Welt
und schrecken die DDR-Bevölkerung gleichzeitig mit ihrer Berichterstattung
vor dieser ab,
weshalb ostdeutsche Politiker dazu übergingen, das Westfernsehen als
,,systemstabilisierend"25 zu betrachten: ,,Wenn unsere Leute täglich in
eurem
Fernsehen Massenarbeitslosigkeit und Massenelend, die neue Armut, Streiks,

Schlägereien, Demonstrationen und Polizeieinsätze sehen, dann brauchen wir
das im
,Neuen Deutschland&prime; gar nicht mehr zu schreiben. Was wir im ,Neuen
Deutschland&prime; schreiben, glaubt sowieso keiner. Aber wenn sie es bei
euch sehen,
glauben sie es." 26Dass diese Abschreckungshypothese historisch betrachtet
nicht
haltbar ist, beweist letztlich das Ende der DDR,
Lars Bruecher
2003-07-10 09:58:02 UTC
Permalink
Post by Wolfram Steinacker
Wer hat eigentlich das Diktum geprägt: "In der DDR hat jedermann das
Recht, sich überall zu informieren"?
Honecker... oder Ulbricht. Habs noch deutlich im Ohr.
Der Satz oben überholt beide scharf links, der Gulag lässt grüßen.
Meinst du die Aussage von Honecker 1973 die "westlichen Massenmedien, vor
allem dem Rundfunk und dem Fernsehen der BRD, die ja bei uns jeder nach
Belieben ein- und ausschalten kann" betreffend?

Gruss: Lars
Veith
2003-07-10 11:25:01 UTC
Permalink
Post by Wolfram Steinacker
Der Satz oben überholt beide scharf links, der Gulag lässt grüßen.
Nenne bitte eine "Gulag" in der DDR.
.
.
.
Wenn Du jetzt "Bautzen II" sagsts, sage ich "Stammheim" ;-)
Post by Wolfram Steinacker
Übrigens konnte man's auch gaaanz anders sehen: Westfernsehen als Opium
für's Volk. Hat auch fast 40 Jahre funktioniert.
mmmh, würde hier stimmen, das "für's" Volk. Dieses "für's" provoziert
nämlich immer die Frage, wer das "Opium" verabreicht .... daher heißt es
natürlich im Original "des Volkes" - hatten wir hier aber schon mehrfach.
Post by Wolfram Steinacker
Kleiner Text, Quelle schnell findbar: ...
Über die Mediennutzung in der DDR und die Auswirkungen der Nutzung des
Westfernsehens auf die DDR-Medien und den Staat an sich, gibt es in der
http://www.hausarbeiten.de/rd/faecher/hausarbeit/kog/21376.html

<Zitat> Die Mehrheit der DDR-Bürger nutzte die westdeutschen Programme vor
allem als Kontrast zu ostdeutschen Informationen</Zitat>

Das ist die gleiche Mär, wie die nach "freien Wahlen" lechzende
Volksseele. Natürlich gibt es zu allen Zeiten den Hardcore-Typ, der sich
durch alle Nachrichtensendungen und Politikmagazine zappt, der stellt aber
immer eine verschwindene Minderheit.

Das Volk will SPIELE! Hier: Unterhaltungsshows und Filme.

Folgerichtig heißt es in o.g. Hausarbeit auch <Zitat>Die Mehrheit nahm die
Nachrichten lediglich mit, da sie im Programm wegen ihrer Häufigkeit kaum
übergangen werden konnten, weil das Radio sowieso nur als "Nebenbeimedium"
lief oder man nicht den Beginn des Abendfilmes verpassen wollte.</Zitat>

Womit wir beim "Verpackungsproblem" wären: Die Wühlarbeit und Einmischung
aka "Ideologische Diversion" wohlfeil verpackt oder "Opium _für's_ Volk".

Weiter heißt es <Zitat>Als bedeutender erwies sich die Eskapismusfunktion
[to escape = entfliehen; Veith] der Westmedien. Sie konnten am ehesten dem
Wunsch der DDR-Bürger genüge leisten, ihnen zur medialen Flucht aus dem
grauen und tristen Alltag der DDR zu verhelfen; mittels der
Unterhaltungssendungen</Zitat>

*g* vgl.: http://www.bastei.de/ und 30 bzw. 60 TV-Kanäle, will sagen,
genügend "grauen und tristen Alltag" hat der Bundesbürger auch, jedoch
tatsächlich mehr Möglichkeiten _innerhalb_ des Systems zu flüchten.

Hier: "Opium _des_ Vokes"

Warum mußten die DDR-Verlage auch Goethe verlegen, Hedwig Courths-Mahler
rules!
Peter
--
http://DDR-LUFTWAFFE.de
Wolfram Steinacker
2003-07-10 19:27:55 UTC
Permalink
Post by Veith
Post by Wolfram Steinacker
Der Satz oben überholt beide scharf links, der Gulag lässt grüßen.
Nenne bitte eine "Gulag" in der DDR.
Hab schon bewusst Gulag gesagt. War auch für Deutsche gar nicht so schwer,
dort reinzukomen..
Post by Veith
Wenn Du jetzt "Bautzen II" sagsts, sage ich "Stammheim" ;-)
Weil die alle "Soldatensender" gehört haben. Wer wühlen lässt, muss fühlen.

<allerlei sympathisch Kulturkritisches a la Oswald Spengler aus der Tastatur
von Veith gelöscht (mann, wer hat dich so weichgeklopft, oder war's die Sonne?
;-)>
Post by Veith
*g* vgl.: http://www.bastei.de/ und 30 bzw. 60 TV-Kanäle, will sagen,
genügend "grauen und tristen Alltag" hat der Bundesbürger auch, jedoch
tatsächlich mehr Möglichkeiten _innerhalb_ des Systems zu flüchten.
Hier: "Opium _des_ Volkes"
Warum mußten die DDR-Verlage auch Goethe verlegen,
Fürwahr, Goethes Werke, die "Weimarer Ausgabe"!!!
Die Sache hat nur den winzigen Haken, dass dieses Unternehmen eigentlich in
den Jahren 1887-1919 von Hermann Böhlau (und Nachfolger) unter der
Schirmherrschaft der Großherzogin Sophie von Sachsen herausgegeben wurde und
die daher häufig als Sophien-Ausgabe bezeichnet wird. Also "DDR"... cum grano
salis.
Und Hanser, der Deutsche Klassiker Verlag, der Deutsche Taschenbuch Verlag
etc.pp. waren so richtig volkseigen auch nicht... :-(
Post by Veith
Hedwig Courths-Mahler
rules!
und ein Kessel Buntes oder 10 oder 100

Grüße von
Wolfram
Peter Veith
2003-07-10 19:56:34 UTC
Permalink
Post by Wolfram Steinacker
Post by Veith
Post by Wolfram Steinacker
Der Satz oben überholt beide scharf links, der Gulag lässt grüßen.
Nenne bitte eine "Gulag" in der DDR.
Hab schon bewusst Gulag gesagt. War auch für Deutsche gar nicht so
schwer, dort reinzukomen..
Ach _in_ der DDR? In meiner DDR war keiner. Mmmh erzähl mal!

Veith
--
Ist die Olle wieder keusch, guck Ossikram und Fliegerzeuch!
http://TV.ddr-luftwaffe.de
figyel
2003-07-13 20:13:03 UTC
Permalink
Post by Peter Veith
Post by Wolfram Steinacker
Post by Veith
Post by Wolfram Steinacker
Der Satz oben überholt beide scharf links, der Gulag lässt grüßen.
Nenne bitte eine "Gulag" in der DDR.
Hab schon bewusst Gulag gesagt. War auch für Deutsche gar nicht so
schwer, dort reinzukomen..
Ach _in_ der DDR? In meiner DDR war keiner. Mmmh erzähl mal!
Bautzen(II) == S-Stammheim, wie du schriebst?

figyel

Wolfram Steinacker
2003-07-11 09:29:56 UTC
Permalink
2. "GULAG" = "_G_lawnoje _U_prawlenie _Lag_erej" = "Hauptverwaltung
der Lager" - da ist "man" sicher nicht reingekommen ;-)
Sollte das witzig sein?... Der Begriff steht freilich für das System der Lager.
Recht prägnant und instruktiv der engl. wikipedia-Artikel:
http://www.wikipedia.org/wiki/GULAG
Mich würde interessieren, wie das der russische/sowjetische Volksmund genannt
hat. Gulag, Katorga, konzentrazionnyi lagerj... Weiß da jemand was?

gruß
Wolfram
Veith
2003-07-11 09:39:44 UTC
Permalink
Post by Wolfram Steinacker
2. "GULAG" = "_G_lawnoje _U_prawlenie _Lag_erej" = "Hauptverwaltung
der Lager" - da ist "man" sicher nicht reingekommen ;-)
Sollte das witzig sein?... Der Begriff steht freilich für das System der Lager.
Im Westen. In dieser Bedeutung war das IMO ein Westbegriff, wie "VoPo" -
auch wenn Herr S. natürlich ein Russe war.
Post by Wolfram Steinacker
Mich würde interessieren, wie das der russische/sowjetische Volksmund genannt
hat. Gulag, Katorga, konzentrazionnyi lagerj... Weiß da jemand was?
die Entsprechnung von "Arbeitslager".

Peter
--
http://DDR-LUFTWAFFE.de
Patrick Bonacker
2003-07-11 14:45:56 UTC
Permalink
Hallo,

on Fri, 11 Jul 2003 11:29:56 +0200, Wolfram Steinacker
Post by Wolfram Steinacker
2. "GULAG" = "_G_lawnoje _U_prawlenie _Lag_erej" = "Hauptverwaltung
der Lager" - da ist "man" sicher nicht reingekommen ;-)
Sollte das witzig sein?... Der Begriff steht freilich für das System der Lager.
Ach, Tatsache?!
Post by Wolfram Steinacker
http://www.wikipedia.org/wiki/GULAG
Ja, in der 3. Zeile steht auch gleich das Schlüsselword "Solshenizyn".
Diese Verwendung des Begriffes gibt es AFAIK nur dank ihm.

Gut, Literatur und Geschichte kann und muss man nicht immer streng
trennen, aber ein bisschen mehr Genauigkeit wäre manchmal schön.

Naja.

Ich rege mich ja schon gar nicht mehr auf, wenn ich lese/höre,
"Rotarmisten" hätten die Flagge auf dem Reichstag gehisst.
Umgangssprachlich: okay. Aber ob wohl die "Rote Arbeiter- und
Bauernarmee" (russ. RKKA) 1943 in "Sowjetische Armee" umbenannt wurde?
Beliebig fortzusetzen (aber nicht hier)...
Post by Wolfram Steinacker
Mich würde interessieren, wie das der russische/sowjetische Volksmund genannt
hat. Gulag, Katorga, konzentrazionnyi lagerj... Weiß da jemand was?
Nur "Lager".

"Konzlager" bezog sich seit dem Krieg nur auf deutsche KZs.
Mit "Katorga" war idR meist Verbannung vor 1917 gemeint (oder
"ssylka").
GULAG wurde IMHO auch in der SU erst seit Solshenizyn wieder ein
"umgangssprachlicher" Begriff.

Patrick

PS Wo ist mein 1.? Du behauptest also weiter, in den 60er/70er Jahren
seien "Deutsche leicht ins GULAG" gekommen?!
Wolfram Steinacker
2003-07-11 15:39:21 UTC
Permalink
Post by Patrick Bonacker
Ja, in der 3. Zeile steht auch gleich das Schlüsselword "Solshenizyn".
Diese Verwendung des Begriffes gibt es AFAIK nur dank ihm.
Gut, Literatur und Geschichte kann und muss man nicht immer streng
trennen, aber ein bisschen mehr Genauigkeit wäre manchmal schön.
"Konzlager" bezog sich seit dem Krieg nur auf deutsche KZs.
Mit "Katorga" war idR meist Verbannung vor 1917 gemeint (oder
"ssylka").
GULAG wurde IMHO auch in der SU erst seit Solshenizyn wieder ein
"umgangssprachlicher" Begriff.
hab die Frage nochmal in news:de.etc.sprache.misc gestellt
Sebastian Koppehel
2003-07-11 23:04:50 UTC
Permalink
Post by Patrick Bonacker
Ich rege mich ja schon gar nicht mehr auf, wenn ich lese/höre,
"Rotarmisten" hätten die Flagge auf dem Reichstag gehisst.
Ich will hoffen, du hast dich auch früher nicht darüber aufgeregt.
Post by Patrick Bonacker
Umgangssprachlich: okay. Aber ob wohl die "Rote Arbeiter- und
Bauernarmee" (russ. RKKA) 1943 in "Sowjetische Armee" umbenannt wurde?
Selbst wenn das stimmte, wäre es eine Haarspalterei erster Ordnung, da
es aber nicht stimmt - die Rote Armee hieß auch 1945 noch so - haben
die Leute, die obiges behaupten, recht.

- Sebastian
--
Hühner, die im Freien laufen,
können Sie bei uns _nicht_ kaufen.

(Fa. Markus Kartenbach, Neustadt-Glewe)
Peter Veith
2003-07-12 07:01:20 UTC
Permalink
Post by Sebastian Koppehel
Selbst wenn das stimmte, wäre es eine Haarspalterei erster Ordnung, da
es aber nicht stimmt - die Rote Armee hieß auch 1945 noch so - haben
die Leute, die obiges behaupten, recht.


Veith
--
Ist die Olle wieder keusch, guck Ossikram und Fliegerzeuch!
http://TV.ddr-luftwaffe.de
Patrick Bonacker
2003-07-12 14:57:54 UTC
Permalink
Hallo,
Post by Sebastian Koppehel
Selbst wenn das stimmte, wäre es eine Haarspalterei erster Ordnung,
Ja, sagst _Du_.
Post by Sebastian Koppehel
da
es aber nicht stimmt - die Rote Armee hieß auch 1945 noch so - haben
die Leute, die obiges behaupten, recht.
Okay, hast recht, die Umbenennung war im Februar '46. Weß nicht, warum
ich seit _jeher_ 1943 im Kopf hatte. habe ich wohl mit etwas anderem
verwechselt.

Patrick
Sebastian Koppehel
2003-07-08 15:45:03 UTC
Permalink
Post by Patrick Bonacker
on Tue, 08 Jul 2003 12:10:09 +0200, Henning Schlottmann
Zuletzt gelesen habe ich es vor drei Wochen in der Süddeutschen Zeitung,
aber dem Grund nach war mir das als Hintergund schon vorher bekannt.
Leider habe ich grade keinen Zugang zu schriftlichen Quellen. Im Netz
habe ich mal eben nichts gefunden.
Na gut, aber wenn das so war, dann waren die Normen doch erst recht
nicht "mörderisch" (q. e. d.).
Das war ja auch bloß ein Ausrutscher eines dumpf ahnend
daherschwätzenden Abendblatt-Redakteurs, über den ich mich lustig zu
machen gedachte. Daß nun ernsthaft Leute meinen, dies widerlegen zu
müssen, wundert mich nun doch.
Eins ist ja wohl klar: Jede Argumentation in der Vielbesserrepublik
BRD dient einzig und allein den Interessen des Imperialismus.
Post by Patrick Bonacker
eigentlich ging
es gar nicht um die Normen, sondern um's "SED-Regime" allgemein
(andererseits heißt's dann wieder, dass sich die "allgemeine Bosheit
des SED-Regimes" konkret vor allem in den "mörderischen Normen"
widerspiegelte... 'ne logische Wissenschaft ist die _bourgeoise
Historik_ nu aber nich, wa?)
Es war ja so, daß die Arbeitsnormen, oder vielmehr deren Erhöhung,
oberflächlich der Anlaß für die Proteste waren. Aber niemand wird
behaupten wollen, daß dies der einzige Grund war, weshalb die Arbeiter
auf die Straße gingen, und offenkundig war die Rücknahme der
Normerhöhung auch nicht die einzige Forderung, die vorgebracht wurde.

Daß die SED den DDR-Bürgern _zuviel_ Arbeit auferlegte, wurde und wird
auch im Westen normalerweise nicht behauptet.

Ebenfalls dieser Tage gelesen: Erinnerungen von Egon Bahr, damals
Chefredakteur des RIAS. Ostberliner Arbeiter kamen zu ihm und wollten,
daß der RIAS zum Generalstreik "in der Zone" (Bahr betont, daß man das
damals so sagte) aufruft. Das lehnte er aber ab und bat sie, ihm ihre
Forderungen zu nennen - siehe da, da war schon die deutsche Einheit
mit dabei. Der RIAS verlas dann kurz die Forderungen, was alsbald von
den amerikanischen Hausherren unterbunden wurde, die wohl den 3.
Weltkrieg befürchteten, aber trotzdem noch bewirkt haben soll, daß der
Forderungskatalog in der ganzen DDR eine gewisse Einheitlichkeit
aufwies.

- Sebastian
--
Hühner, die im Freien laufen,
können Sie bei uns _nicht_ kaufen.

(Fa. Markus Kartenbach, Neustadt-Glewe)
Florian Ritter
2003-07-10 15:17:31 UTC
Permalink
Post by Sebastian Koppehel
Post by Patrick Bonacker
Zuletzt gelesen habe ich es vor drei Wochen in der Süddeutschen Zeitung,
aber dem Grund nach war mir das als Hintergund schon vorher bekannt.
Leider habe ich grade keinen Zugang zu schriftlichen Quellen. Im Netz
habe ich mal eben nichts gefunden.
Na gut, aber wenn das so war, dann waren die Normen doch erst recht
nicht "mörderisch" (q. e. d.).
Das war ja auch bloß ein Ausrutscher eines dumpf ahnend
daherschwätzenden Abendblatt-Redakteurs, über den ich mich lustig zu
machen gedachte. Daß nun ernsthaft Leute meinen, dies widerlegen zu
müssen, wundert mich nun doch.
Eins ist ja wohl klar: Jede Argumentation in der Vielbesserrepublik
BRD dient einzig und allein den Interessen des Imperialismus.
Vergisse mir, bitte, des Monopolkapitales nicht - FR
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