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Spirou in Berlin
(zu alt für eine Antwort)
Frank Hucklenbroich
2020-05-18 19:55:56 UTC
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Hallo zusammen,

falls es hier Comic-Freunde gibt, werfe ich mal eine Empfehlung in die
Runde:

"Spirou in Berlin", erschienen 2018 im Carlsen-Verlag.

"Spirou & Fantasio" ist eine der ältesten Franko-Belgischen Comicreihen,
die ersten Geschichten erschienen 1940 (dazu später mehr). Hier durfte nun
der deutsche Comiczeichner "Flix" einen Geschichte mit den beiden
Protagonisten zeichnen (was eine große Ehre ist, für einen ausländischen
Zeichner), die in Ostberlin 1989 spielt.
Hier finden sich natürlich Stasi und Mauer, Mielke und Honecker haben
Gastauftritte, aber auch Protagonisten aus dem DDR-Kinderfernsehen (der
Sandmann, der Maulwurf, Schnatterinchen, Lolek und Bolek, und ein paar
mehr, die ich als Wessi nicht kenne - Panel auf Seite 11).

Schauplätze sind u.a. das Palasthotel und der Fernsehturm.

Die Story ist spiroutypisch mit viel Action und Slapstick, denn am Ende ist
das ein Comic der lustig sein will, aber mit sehr viel Liebe zum Detail
gezeichnet, und von daher hat vielleicht der eine oder andere hier Spaß
daran.

Und wer hieran Gefallen findet, dem kann ich ein weiteres Werk aus der
Reihe empfehlen, das ungleich düsterer ist:

"Spirou, oder: Die Hoffnung".

Diese Geschichte spielt in Brüssel 1940, zur Zeit der Deutschen Besatzung.
Sie erzählt die Geschichte aus Sicht der Protagonisten (ein Jugendlicher
Page im Hotel, der andere ein junger Erwachsener, der anfangs zum
belgischen Militär eingezogen wird), die das alles zunächst ganz naiv
miterleben, und nicht so recht wissen, wie sie zu den Nazis stehen sollen.
Der Held, Spirou, der Page in einem Hotel ist, hat eine Freundin in
Deutschland, die eine polnische, jüdische Kommunistin ist. Die Suche nach
ihr ist der Ausgangspunkt der Geschichte.

Es wird die Spaltung der Belgier in Flamen und Wallonen geschildert (viele
Flamen verehrten Hitler), die von den Deutschen forciert wird, und der
Beginn der Judenverfolgung, die am Ende in Zügen nach Auschwitz endet.

Für einen Comic ist das kein leichter Stoff. Und gerade deshalb toll
herausgearbeitet, weil es die Geschichte aus Sicht von Kindern erzählt, wo
dann jüdische Spielkameraden auf einmal nicht mehr im Stadtpark Ball
spielen dürfen. Es wird auch die Rolle der katholischen Kirche kritisch
beleuchtet, die Gleichschaltung der belgischen Medien und die militärische
Niederlage, wobei hier keine Schützengrabengeschichten erzählt werden.

Trotz dem schweren Thema ist es ein Comic mit den typischen
Slapstickelementen, aber oft bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Es wird insgesamt vier Bände geben, die Geschichte hat insgasame 330
Seiten, Band 1 ist 2018 erschienen und Band 2 ist von 2019. Zeichner ist
Émile Bravo.

Der erste Spirou+Fanstasio-Comic erschien 1940 in einer Brüsseler
Tageszeitung, und wurde nach der Besatzung von den Nazis verboten. Auch
hierzu gibt es Anspielungen, genauso wie auf andere berühmte
Franko-Belgische Comics, z.B. Tim und Struppi.

Also, wer Comics nicht für Kinderkram hält, der hat hier vielleicht Freude
dran.

Grüße,

Frank
Matthias Opatz
2020-05-24 22:42:16 UTC
Permalink
Post by Frank Hucklenbroich
falls es hier Comic-Freunde gibt, werfe ich mal eine Empfehlung in die
"Spirou in Berlin", erschienen 2018 im Carlsen-Verlag.
Ja, hat mir gefallen.

Matthias

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